Princess schlingt die Maus gierig runter und schleckt sich kurz die Lippen, bevor sie vorsichtig über den Rand des Verschlages schaut. Sie wollte eigentlich so gerne Hummeln-im-Huf begrüßen, die Menschin stört sie WIRKLICH.
🟢 Princess 🐈
Mraaaaau
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Princess behält die Menschin, die mit ihren bunten Haaren wirklich furchtbar schlecht getarnt ist, im Auge und kauert sich mit tiefem Rücken in die Erde. Ihre Instinkte spielen alle Optionen durch - Flucht, Angriff, Unsichtbar werden -, als plötzlich ein leises Rascheln im Gebüsch zu hören ist.
Die Ohren der Katze zucken, um das Geräusch so präzise wie möglich zu ordnen und einzusortieren. Ihre Schnurrhaare spüren die Vibration der Erde: kleine Mäusepfoten. Eine vierte Option tut sich auf, und Princess ist nicht in der Lage, diese zu ignorieren. Sie schleicht langsam, ohne die Hornteufel und die Menschin aus den Augen zu lassen, Richtung Gebüsch.
Sie hört die Maus laut und deutlich, hört das leise fiepsen, hört jeden aufgeregten Atemzug und jeden Herzschlag. Sie weiß genau, wo sie ist und wann sie, wenn sie ihr Tempo beibehält, aus dem Strauch kommen und die freie Fläche betreten wird.
Gleich, denkt Princess.
Und kaum ist der Gedanke zu Ende gedacht, erblickt sie die Maus, kaum einen Meter von ihr entfernt. Der kleine Fellknäuel schaut die Katze entsetzt an, als sie ihren Fehler begreift, doch da ist Princess bereits in der Luft. Ein präzise kalkulierter Sprung, im Flug gleiten ihre Krallen aus der Pfote und mit einem gezielten Hieb haucht die Maus ihr Leben aus.
Princess ist sich sicher, dass die Menschin nun etwas gehört haben muss, und auch die Hornteufel schauen neugierig zu ihr rüber, also nimmt sie die Maus ins Maul und klettert mit drei gezielten Griffen auf den Verschlag. Sie bleibt kurz stehen und lauscht, kein ungewöhnliches Geräusch ist von unten zu hören. Kein Rascheln von Kleidung, kein Anspannen von Muskeln. Vielleicht schläft die Menschin. Tot ist sie nicht, sie hört ihren Atem und das Schlagen des Herzens, doch sie scheint nicht aufstehen zu wollen.
Vielleicht ist sie eingeschlafen?, denkt Princess, und beginnt, die Maus zu verspeisen.
Auch Princess ist die Veränderung in der Luft des Dorfes aufgefallen. Die Menschen scheinen ruhiger, aber gleichzeitig gestresster, als wäre eine Last von ihnen abgefallen und eine neue aufgeladen worden. Aber die neue Last ist nicht NUR Last, auch Freude. Zahlreiche Menschen, die sie noch nicht kennt, sind in den letzten Tagen im Dorf aufgetaucht, doch sie wirken nicht, als ob sie bleiben wollen. Sie wirken fremd, als wäre es mal ihr Revier gewesen, doch nun wirken sie wie Eindringlinge. Wie Fremde. Wie Besucher.
Auch zahlreiche neue Düfte liegen im Wind. Princess kennt sie, und doch wirken sie fremd. Gewürzter Kuchen. Erhitzter Wein mit Kräutern. Bienenwachs, der verbrannt wird. Und es riecht schon wieder nach Schnee.
Der Weg zum Hornteufel-Gehege ist Princess mittlerweile vertraut. Vom Baumhaus immer nach Süden, vorsichtig am Kindergehege vorbeschleichen - doch heute ist es auffällig ruhig hier - vorbei am Haus der Glocken, über die große Straße. Dann geduckt und schnell über den großen Platz. Übers Dach vom Blumenhaus, aufs Nachbargebäude, auf den Schuppen, und dann wartet der kleine Hornteufel eigentlich schon auf sie.
Princess hat in den letzten Tagen immer wieder bei den Hornteufeln vorbeigeschaut. Die Tiere faszinieren sie. Sie sind wild und roh und chaotisch. Ganz anders als sie selbst, die eher berechnend, geduldig und bewertend ist. Doch Gegensätze ziehen sich an. Auch, wenn die Präsenz der Hornteufel in den ersten Momenten beeindruckend ist, hat sich trotzdem eine kleine Freundschaft zum Kleinsten der Drei - Princess nennt ihn Hummeln-Im-Huf - entwickelt und Princess war öfter zu Besuch im Ziegengehege gewesen.
Sie springt mit einem kleinen Satz durch die unterste Lücke im Zaun - und bleibt wie erstarrt stehen, als drei Paar Hornteufel-Augen sie anschauen. Eine Menschin liegt bei ihnen, mit geschlossenen Augen und bunten Haaren.
Ungewöhnlich, denkt Princess, und geht ihre Optionen durch.
Auf leisen Pfoten streift Princess durch die Gärten am Waldsee, immer eng am Rand von Schneewehes Revier vorbei. Sie patrouilliert die Grenze regelmäßig ab, immer auf der Suche nach Schwachstellen in der Verteidigung des Katers. Wieder lockt der köstliche Duft nach Geflügelfleisch, der vom Wind herangetragen wird, sie. Sie weiß mittlerweile, dass der Mensch, der das Fleisch rausstellt, Schneewehes Mensch ist.
Das verwirrt sie. Schneewehes Mensch sollte auf Schneewehes Seite sein und nicht Fleisch für sie rausstellen. Menschen sind wirklich merkwürdig und sehr schlechte Rudeltiere. Und fast so schwer zu verstehen wie Hornteufel. Immerhin hüpfen sie nicht. Leichtfüßig springt Princess über den Zaun von Schneewehes Garten und steht plötzlich vor einer Hütte. Es ist immer noch furchtbar kalt und in der Hütte liegt etwas, das Wärme verbreitet. Neugierig schaut Princess hinein, nachdem sie sich versichert hat, dass Schneewehe nicht im Garten zu sehen und riechen ist. Die Hütte ist besser. Deutlich besser als der Kasten aus Plastik, mit dem sie es zuletzt versucht hatte, der nur furchtbar gestunken hat. Fast gemütlich, aber lange nicht so gemütlich wie ihr Baumhaus. Und sicherer ist es auch.
Aber warm, denkt Princess.
Eine Art Schlauch liegt in einer Ecke und verbreitet eine wohlige Wärme, die Princess lockt. Sie versteckt sich im Schatten und denkt nach. Womöglich… vielleicht… könnte es sein, dass Schneewehe sie hier schlafen lassen würde? Unwahrscheinlich. Sie haben den Kriegergruß ausgetauscht. Sie hat ihm den Krieg erklärt und er hat die Kriegserklärung angenommen. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass Schneewehe bei der Kälte rausgehen wird? Sehr unwahrscheinlich. Er ist kein Kämpfer, kein Straßenkater, sondern ein fauler, verweichlichter Sofakater. Princess schleicht auf leisen Füßen auf das kleine Holzhaus zu, schnappt sich ein Stück Pute mit dem Maul und kriecht in die Hütte.
Nur bis zum Morgengrauen. Wenn die Sonne wieder aufgeht wird sie verschwunden sein. Und alles Fleisch mit ihr und in der Ecke des Gartens wird eine neue Markierung aufgetaucht sein.
Princess frisst den Käse gierig, die Ausbeute in den letzten Tagen war mager.
Princess faucht leise, als die Hand sich nähert.
Gucken ist erlaubt. Heute. Anfassen nicht.
Princess blinzelt den Jungen müde an, bewegt sich aber nicht.
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Vorsichtig läuft Princess über das Dach des Hauses. Sorgsam setzt sie einen Schritt nach dem nächsten, bleibt regelmäßig stehen. Lauscht nach verdächtigen Geräuschen. Riecht am Wind. Schaut sich um.
Sie hat Zeit und Geduld, auch wenn sie in einem fremden Revier jagt.
Nachdem sie sich zwei Mal versichert hat, dass Schneewehe nicht in der Nähe ist, versichert sie sich noch ein drittes Mal. Dann schleicht sie an die Dachkante und lässt sich in den weichen Schnee fallen.
Wie beim letzten Mal nimmt sie nur so viel Pute in das Maul wie sie tragen kann und verschwindet in Richtung Garten. Die Behausung, die der blonde Mensch aufgebaut hat, betrachtet sie nur kurz herablassend. Viel zu klein, viel zu künstlich, viel zu weit im fremden Revier.
Bevor sie im Dunkel des Waldes verschwindet, setzt sie in die letzte Ecke des Gartens, im Schatten versteckt, eine Markierung. Nur weil es geschneit hat wird sie nicht klein beigeben. Es ist ein erster Gruß an Schneewehe, eine Erinnerung, dass sie noch existiert und eine Mahnung, dass er sich nicht zu sehr ausruhen sollte.
Princess hatte gestern, nach einem langen Kampf, eine große Feldmaus erlegt, sie in ihr Baumhaus geschleppt und dort eine ruhige, satte Nacht in der Ecke, die einigermaßen windgeschützt liegt, verbracht.
Princess schleicht über die Dächer des Dorfes. Heute war ein magerer Tag mit wenig Ausbeute, ihr Magen knurrt leise. Sie hat viel Zeit investiert, um die Hornteufel zu untersuchen. Ein Fehler?
Nein, denkt Princess.
Das Revier zu kennen ist wichtig. Sie muss jede Ecke, jeden Bewohner, jede Überraschung kennen. Nur dann ist sie in ihrem Revier sicher. Und Sicherheit ist eine wichtigere Währung als Nahrung. Sicherheit heist, dass sie in Zukunft in Ruhe jagen kann. In Sicherheit investierte Zeit ist gute Zeit.
Princess springt mit einem anmutigen Sprung auf das nächste Dach, als ein köstlicher Duft ihre Nase erreicht. Geflügel. Sie schnuppert kurz am Wind und folgt dann ihrer Nase über die Dächer. Ein Sprung aufs nächste Dach. Mit Anlauf direkt weiter, über einen Schuppen, durch einen Garten, über die Äste einen Baum hinauf und schon ist sie auf dem nächsten Dach.
Sie ist fast da. Zu dem Geruch nach Geflügelfleisch gesellt sich nun die deutliche Markierung von Schneewehes Revier. Princess zögert kurz, bleibt stehen und setzt sich auf das Dach.
Jetzt in Schneewehes Revier einzudringen wäre eine Kriegserklärung. Sie scheut sich nicht davor, dem Kater sein Revier streitig zu machen, doch sie ist sich nicht sicher, ob sie schon bereit für die Konfrontation ist. Also sitzt sie auf dem Dach und beobachtet. Lauscht auf die Geräusche des Abends, wartet gespannt, ob Schneewehe sich blicken lässt.
Vielleicht überschätzt sie ihn. Auch wenn er die Instinkte eines wilden Katers hat ist er trotzdem gezähmt. Nicht unwahrscheinlich, dass er faul und müde auf dem Sofa liegt und die Ohren gekrault bekommt. Princess wartet weiter. Zeit ist das einzige, dass sie im Überfluss besitzt, also nutzt sie sie. Ab und zu schaut sie auf den Himmel, es fliegen drei Wolken vor dem Mond vorbei, bis sie beschließt, dass die Zeit gekommen ist.
Die letzten Meter führen über eine Straße, also hüpft sie vom Dach über eine Mauer auf den Boden. Es ist kein Auto, kein Fahrrad, kein Mensch zu sehen, also überquert sie schnell die Fahrbahn, springt mit einem Satz die drei Stufen der kleinen Treppe des Hauses hinauf und nimmt sich eilig - aber nicht hektisch - so viel Putenfleisch wie ihre Schnauze tragen kann.
Ohne eine Sekunde zu verschwenden springt sie die Treppe wieder hinunter, läuft um die Hausecke und springt auf den Gartenzaun. Gekonnt balanciert sie über den schmalen Zaun. Die Enten schlafen ruhig in ihrem Verschlag, geben keinen Laut von sich. Auch von Schneewehe weiterhin keine Spur.
Erst als sie die Schatten des Waldes erreicht hat bleibt sie stehen und beginnt, ihren Hunger zu stillen. Stolz hebt sie beim Kauen ihr Kinn. Ein erster Einbruch in Schneewehes Revier. Er war nicht geplant für heute. Aber er war erfolgreich. Vielleicht überschätzt sie den Kater doch. Er patroulliert nicht, obwohl eine fremde Katze herumstreicht. Ein Fehler, aber sie wird trotzdem wachsam bleiben.
Für Spiel und Vergnügen gibt es in Princess’ Welt keinen Platz. Für sie zählen nur ein einigermaßen trockener Schlafplatz, etwas zu Essen und Kontrolle über ihr Revier.
Princess spürt den Kater, bevor sie ihn hört. Dann verrät ein Rascheln in den Blättern ihn.
Sie ist noch nicht bereit, sich ihm zu stellen, also läuft sie leichtfüßig über einen Ast, der in die entgegengesetzte Richtung wächst, springt geschmeidig auf einen zweiten Baum und verschwindet lautlos im dichten Wald.
Zwei grüne Augen beobachten die Szene aus dem Geäst eines Baumes, ein Auge immer auf den Hund gerichtet, die andere auf die beiden Menschen, die auf der Bank sitzen und sich unterhalten. Da nichts aufregendes zu passieren scheint und der Hund gelangweilt und unachtsam wirkt, beginnt Princess, ihr Fell zu putzen.
Princess schaut die Hand arrogant an und dreht den Kopf weg.


Princess sitzt auf den Dächern, der kalte Regen peitscht ihr durchs Fell. Doch er stört sie nicht, denn er gibt ihr Deckung. Sie hat den Neuankömmling in ihrem Revier schon lange im Blick.
Er wirkt jung. Unerfahren. Tollpatschig. Kein Gegner, und auch kein Opfer. Keinen Kampf wert. Princess würde den Kampf mühelos gewinnen, sie ist ihm um viele Jahre und noch viel mehr Kämpfe an Erfahrung voraus.
Gelangweilt schleckt sie sich einen Regentropfen von der Nase und tötet dann mit einer schnellen Bewegung die Maus, die seit einigen Minuten unter ihrer Pfote zappelt.
Ungerührt verspeist sie ihre Beute.