Stacy ist den ganzen Morgen über nervös. Ein bisschen so, wie vor einem ersten Date, bei dem man schon vorher weiß, dass es scheiße wird. Sie hat sich fünfmal umgezogen, jedes Outfit fotografiert und Freddy geschickt, als bräuchte sie eine Bestätigung dafür, dass sie gut aussieht. Er fand alles gut. Natürlich fand er alles gut. Aber das hilft ihr nicht. Am Ende entscheidet sie sich für etwas, das man ohnehin kaum sehen wird, weil sie ihre Schutzkleidung anlassen wird. Draußen ist es eh nicht warm genug, um sie auszuziehen. Drinnen vielleicht schon. Aber sie wird sie trotzdem einfach anlassen.
Vor dem großen Ärztehaus stellt sie das Motorrad ab. Das Gebäude wirkt langweilig und irgendwie verbittert. Glas, Beton und viele Fenster, hinter denen Dinge passieren, die von außen nicht sichtbar sind. Der Aufzug bringt sie in den siebten Stock. Jede Zahl, die aufleuchtet, fühlt sich an wie ein Countdown ins Verderben. Oben angekommen steht sie vor einer Rezeption. Die Frau dahinter wirkt normal. Zu normal… Sehr viel an ihr erinnert sie an Dorothea. Stacy findet das gruselig.
Hallo… ich hab einen Termin.
“Den Namen bitte.”
Äh… den hab ich vergessen, sorry. Oh. Sie meinen meinen Namen. Stacy. Stacy McKäsi.
Die Frau nickt nur, tippt etwas auf der Tastatur.
“Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz.”
Stacy nickt und geht den kurzen Flur entlang zum Wartezimmer. Sie setzt sich und legt den Helm neben sich auf den Stuhl. Ihre Haare sind zerdrückt vom Helm, ein paar Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Sie spielt kurz daran herum, aber lässt es dann wieder, um nicht nervös zu wirken.

Sie atmet ein und wieder aus. Ein und wieder aus. Und fragt sich, ob sie vielleicht doch lieber aufstehen und einfach wieder gehen sollte.
Stacy wartet nicht lange im Wartezimmer, da öffnet sich die Tür und Anna tritt in das Zimmer. Sie schaut sich kurz um, und lächelt dann Stacy an.
Frau McKäsi? Schön, dass Sie hier sind, ich bin Frau Dr. Keller.
Sie macht eine kleine, einladende Handbewegung in Richtung Flur, ein stilles “Bitte folgen Sie mir”, und dreht sich dann um.
Möchten Sie etwas trinken? Wasser? Kaffee? Tee?
Die beiden gehen durch den ruhigen Flur, Anna öffnet eine weitere Tür und die beiden betreten ein helles Zimmer mit einer großen Fensterfront. Die Wand gegenüber der Fenster wird von einem großen Bücherregal dominiert und vor dem Fenster steht ein Schreibtisch, auf dem ein Laptop und einige Fachbücher liegen. Doch Anna steuert auf zwei bequeme Sessel zu, die mitten im Raum stehen. Nicht direkt gegenüber, wie bei einem Verhör, sondern leicht zueinander gedreht.
Neben beiden Sesseln steht ein kleiner Beistelltisch, auf Annas liegen ein Notizblock, ein Kugelschreiber und ein Glas Wasser bereit; auf Stacys Tisch liegen Taschentücher.
Anna wartet geduldig, während Stacy sich setzt.
Wie war der Weg hierher?
Äh… die Fahrt war… ziemlich windig.
Stacy stellt den Helm neben sich auf den Boden. Ihr Blick wandert durch den Raum. Irgendwie ist es ihr hier nicht Geheuer.
Anna lächelt leicht und schaut zu dem Helm.
Das glaube ihn Ihnen. Ein paar Sekunden Stille. Nehmen Sie sich ruhig einen Moment, um anzukommen.
Anna wartet kurz ab und fragt schließlich:
Was hat Sie dazu gebracht, heute hierher zu kommen?
Stacy sitzt einen Moment still da, ihre Hände ineinander verschränkt. Man sieht, wie sie nach einem Anfang sucht.
Das klingt jetzt wahrscheinlich… komplett krank. Oder… keine Ahnung, einfach psychisch krank…
Stacy lacht unsicher.
Aber… mein Freund hatte so einen… total absurden Unfall. Und er musste ins Krankenhaus. Und… er lag im Koma. Aber das ist nicht das Schlimme.
Kurzes Schweigen.
Ich hab mir keine Sorgen gemacht, dass ihm was passiert ist. Also… nicht wirklich. Nicht so, wie man das vielleicht sollte. Ich hab die ganze Zeit nur daran gedacht, dass er sich vielleicht einfach nicht meldet, weil er… mit jemand anderem ist… Dass er mich betrügt. Ich hab sogar gepostet, dass ich single bin.
Stacy schweigt wieder.
Also… ja. Das war irgendwie der Moment, wo ich dachte, vielleicht… stimmt irgendwas nicht mit mir. Und dass nicht nur weil Vanja das gesagt hat!!
Sie vergisst kurz dass Anna? Frau Keller? Vanja gar nicht kennt.
Anna bleibt ruhig sitzen, die Hände locker im Schoß. Kein sichtbares Erstaunen, kein Stirnrunzeln. Sie lässt einen kurzen Moment vergehen, nicht zu lang, aber lang genug, dass Stacys Worte wirken dürfen.
Das klingt nicht krank.
Ihre Stimme ist ruhig, fast sachlich.
Es klingt eher so, als hätten Sie in einer extremen Situation versucht, irgendwie Kontrolle zu behalten. Und der Gedanke, dass er Sie betrügen könnte… war in dem Moment stärker als die Sorge um ihn?
Annas Stimme klingt nicht wertend. Sie möchte nur Klarheit.
Wie war das für Sie, als Ihnen das selbst aufgefallen ist?
Stacy beginnt wieder unsicher mit ihren Haaren zu spielen.
Ich hab mich… schuldig gefühlt. Und als wäre ich eine schreckliche Freundin. Vielleicht sogar… die schlimmste, die es gibt. Und dann hat meine beste Freundin gesagt, ich wäre scheiße. Weil ich Freddy nicht vom Krankenhaus abgeholt hab. Und… generell scheiße, weil ich mir keine Sorgen gemacht hab. Und jetzt… fühl ich mich auch einfach genau so. Einfach… scheiße.
Dr. Keller nickt leicht. Ihr Blick bleibt ruhig bei Stacy. Sie lässt den letzten Satz einen Moment im Raum stehen.
Sie fühlen sich also schuldig. Und verurteilen sich ziemlich hart dafür.
Eine kurze Pause.
Und gleichzeitig kommt diese Stimme von außen dazu… von Ihrer Freundin.
Sie neigt den Kopf minimal, beobachtet Stacy genau.
Wenn Sie sagen “einfach scheiße”, was genau meinen Sie damit?
*Stacy runzelt die Stirn. Sie weiß nicht was Anna… Frau Keller? Frau Doktor Keller? Naja, jedenfalls weiß Stacy nicht, was sie noch hören will.
Naja… scheiße halt. Also… schlecht. Schuldig…
Stacy versucht einen Knoten aus ihren Haaren zu lösen.
Ich weiß nicht genau, wie ich das sagen soll… Einfach wie ein schlechter Mensch.
Cedi steht seit einer Viertelstunde vor dem Stoffwechsel und wartet darauf, dass Stacy kommt und aufschließt.
Hi!! Bist du TZDulliZweiPunktNull?!
Stacy schickt mich, ich soll dir den Schlüssel geben!!
Freddy drückt TZDulliZweiPunktNull den Schlüssel in die Hand.
Ich muss wieder los!! Wir müssen einen Bunker bauen!! Du machst das schon!!
Ähm … okay? Aber warum bin ich TZDulliZweiPunktNull?!
Hä heißt du nicht so?!
Nein, ich heiße Ședillë Krauk-Hahn, aber dass ist einfach so ein beschissener Balkanname von meinen Eltern, also reicht auch Cedi.
Ach, TZDulliZweiPunktNull ist besser!!
Bis später!!
Okay? , Cedi macht den Stoffwechsel auf und geht in den Laden.
Hi ich hab zwei Babies 👶🏻 👶🏻 für dich.
Willst du die? Oder verdoppeln und an die nächste Person?
Nein!! Verdoppeln und an die nächste Person!!
Anna lehnt sich leicht zurück und lässt Stacys Aussage kurz auf sich wirken.
Ihre Freundin nennt Sie “scheiße”…
Anna spricht den Satz ruhig, noch immer ohne Wertung.
…und Sie übernehmen das ziemlich schnell für sich selbst.
Passiert Ihnen das öfter?
Was?! Nein!! Mir doch egal, was andere denken!!
Stacy verschränkt die Arme und zieht bei der schnellen Armbewegung den Knoten auseinander. Ihr Kopf tut jetzt weh.
Aber… diesmal hat sie ja recht.
Ihre Stimme wird leiser.
Ich war scheiße. Oder… bin es vielleicht. So verhält man sich nicht. Freddy ist… eigentlich immer lieb. Rücksichtsvoll. Der macht alles, damit es mir gut geht. Und ich? Ich denk sofort das Schlechteste von ihm, wenn er sich mal nicht meldet. Also ja… vielleicht bin ich einfach eine scheiß Freundin.
In ihrem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ein Teil von ihr will sich rechtfertigen. Der andere Teil will sich ihre Fehler eingestehen.
Dr. Keller bleibt ruhig. Keine sichtbare Reaktion auf den kleinen Ausbruch, nur ein leichtes, verständnisvolles Nicken. Sie lässt den Raum einen Moment still werden.
Gerade eben klang es noch, als wäre Ihnen egal, was andere denken.
Eine kurze Pause
Und jetzt übernehmen Sie dieses Urteil sehr deutlich.
Ihr Blick bleibt ruhig, aber auf Stacy gerichtet.
Das wirkt wie zwei sehr unterschiedliche Seiten. Die eine will sich verteidigen und die andere verurteilt Sie ziemlich hart.
Sie lehnt sich minimal zurück, lässt Stacy Raum.
Welche von beiden ist gerade lauter?
Stacy sieht Anna irritiert. Kann sie Gedanken lesen??
Ich hab keine Ahnung!!
Die Antwort kommt schneller und lauter als geplant.
Ich weiß nur, dass ich hier bin, damit du… Sie mir sagen, was verdammt nochmal falsch mit mir ist, damit ich endlich normal werden kann!!
Sie gestikuliert hektisch rum.
Woher soll ich denn wissen, welche Seite lauter ist?! Die sind beide laut!! Die schreien beide!! Und das macht mich komplett verrückt!!
Dr. Keller bleibt ruhig, ihre Stimme deutlich leiser als Stacys zuvor.
Das klingt gerade sehr laut in Ihnen. Seiten, die gleichzeitig schreien.
Sie nickt leicht, als würde sie das einfach stehen lassen.
Und Sie wünschen sich, dass es stiller wird.
Ein kurzer Blickkontakt.
Oder zumindest verständlicher. Wenn beide Seiten so laut sind ist es schwer, überhaupt noch zu merken, was Sie selbst wollen.
Ja. ich will einfach dass das aufhört.
Stacy wirkt verzweifelt.
Ich will einfach normal sein.
Sie wollen, dass es aufhört. Ruhiger wird. Das ist ein ziemlich nachvollziehbarer Wunsch.
Annas Blick wandert unauffällig zu der Uhr an der Wand - sie hängt extra so, dass die Patienten sie nicht im Sichtfeld haben.
Wir sind für heute fast am Ende der Zeit. Bevor wir gleich schließen, würde ich Ihnen noch eine wichtige Frage stellen.
Anna überlegt kurz, wie sie diese Frage formuliert. Sie hat sie schon häufig gestellt, aber es ist eine Frage, die immer schwer bleiben wird.
Wenn es so überwältigend wird, kommen dann Gedanken auf, sich selbst zu schaden?
NEIN!!! Natürlich nicht!! So krank bin ich jetzt auch nicht!!
Dr. Keller nickt leicht, als Stacy so deutlich reagiert. Keine Irritation, nur ein kurzes Annehmen.
Okay.
Ein kleiner Moment, in dem die Spannung etwas abklingen kann.
Dann würde ich sagen, wir sind für heute an einem guten Punkt.
Sie wirft einen kurzen Blick zur Uhr, dann wieder zu Stacy.
Sie haben heute etwas angesprochen, das Sie ziemlich beschäftigt. Diese Situation mit Ihrem Freund… und wie schnell sich das für Sie zuspitzt. Wenn Sie wiederkommen, würde ich vorschlagen, dass wir uns genau solche Momente gemeinsam anschauen.
Schritt für Schritt, was da in Ihnen passiert und wie Sie damit so umgehen können, dass es sich weniger chaotisch anfühlt.
Sie lässt das kurz stehen, kein Druck.
Und diese zwei Seiten, die Sie beschrieben haben, die behalten wir dabei auch im Blick.
Stille. Dann etwas sachlicher, aber weiterhin ruhig.
In der Regel finden die Termine einmal pro Woche statt, jeweils 45 Minuten.
Können Sie sich vorstellen, wiederzukommen?
Sie lehnt sich nicht vor, bleibt einfach sitzen, lässt Stacy die Entscheidung.
Ja. Ich komme wieder. Aber, wenn das nichts bringt… Sollten Sie sich einen anderen Job suchen. Bis jetzt merke ich nichts!
Ohne Schärfe antwortet Anna.
Gut, dass Sie das so offen sagen. Nach einer Sitzung merkt man in der Regel noch keine Veränderung.
Wichtiger ist, dass wir gemeinsam dranbleiben. Und dass Sie mir sagen, wenn etwas für Sie nicht stimmig ist.
Wir schauen uns das in den nächsten Stunden an und dann entscheiden wir gemeinsam, ob es Ihnen hilft. Das ist kein Test, den ich bestehen muss sondern ein Prozess, den wir zusammen gestalten.
Anna steht auf.
Die Sitzung war sicher anstrengend für Sie. Sie können gerne noch einen Moment bleiben und sich sammeln. Bitte vereinbaren Sie beim Hinausgehen einen neuen Termin mit Frau Schmidt.
Stacy bleibt noch einen Moment sitzen. Irgendwie traut sie sich nicht aufzustehen. Dann geht sie schließlich nach vorne und macht einen neuen Termin aus.




