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Anna bleibt einen Moment still. Ihr Blick wird etwas weicher, aber unverändert ruhig.
Das klingt gerade nicht nach jemandem, den Sie einfach nur lieben. Das klingt nach jemandem, bei dem Sie sich sehr sicher fühlen.
Kurze Stille.
Wie fühlt sich das an? Sich bei jemandem sicher zu fühlen? Und wissen Sie noch, wann Sie das bei Freddy zum ersten Mal gemerkt haben?
Anna hört Stacy an, ohne sofort zu antworten. Als das Wort “Familie” fällt, mit den Anführungszeichen fast hörbar in der Stimme, bleibt sie einen kurzen Moment still.
Nein.
Sie antwortet ruhig und ohne zu urteilen.
Es ist überhaupt nicht schlimm, sich auf jemanden zu konzentrieren, der einem gut tut. Und es klingt gerade auch nicht so, als würden Sie Freddy stattdessen wählen. Es klingt eher so, als hätten Sie irgendwann gelernt, dass Sie sich auf Ihre Familie nicht besonders verlassen können.
Und dass Freddy für Sie etwas geworden ist, das sich sicherer anfühlt.
Anna bleibt ruhig sitzen. Sie reagiert nicht auf den Trotz, als wäre er einfach ein weiterer Teil des Gesprächs und nichts, das abgewehrt werden müsste.
Das kann absolut reichen. Ich frage nicht, weil ich Ihre Reaktion auseinandernehmen oder bewerten möchte. Mir ist nur etwas aufgefallen.
Sie erzählen gerade von etwas, das Sie verletzt hat… und in dem Moment, in dem es unangenehm wird, gehen wir sehr schnell zu: Aber Freddy war da.
Und ich frage mich, ob wir Ihre Enttäuschung gerade ein bisschen überspringen.
Anna bleibt einen Moment still und beobachtet Stacy aufmerksam.
Sie haben sich gerade drei- oder viermal korrigiert. Erst ausrasten. Dann weinen. Dann Freddy. Dann wieder anschreien.
Ihr Blick bleibt ruhig.
Ich habe gerade den Eindruck, dass Sie versuchen herauszufinden, was Sie in dem Moment eigentlich gebraucht hätten.
Anna nickt leicht und hört Stacy bis zum Ende zu. Beim letzten Satz bleibt sie einen kurzen Moment still.
Sie sagen gerade etwas Interessantes. Erst erzählen Sie, dass Sie enttäuscht waren - von Ihrem Vater, Ihrer Mutter und Ihrem Bruder. Und direkt danach sagen Sie: Dann bin ich einfach ins Kino gegangen.
Mich interessiert die Alternative. Was wäre passiert, wenn Sie sich richtig aufgeregt hätten?
Anna nickt leicht.
Ja.
Und eigentlich beschreiben Sie gerade etwas ziemlich Wichtiges. Viele Menschen denken, sie hätten in solchen Momenten einen langen, klaren Gedankengang. Aber oft ist es eher etwas sehr Schnelles. Nicht unbedingt ein ganzer Satz wie: Ich fühle X, deshalb denke ich Y.
Eine kleine Pause.
Manchmal ist es einfach nur: Warum weiß Freddy das? Und direkt danach ist das Gefühl schon da.
Sie neigt den Kopf leicht.
Wissen Sie noch, was unmittelbar danach kam? Wut? Ein Kloß im Hals? Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein? Vielleicht etwas in die Richtung?
Anna hört geduldig zu und notiert sich zwischendurch kurz etwas. Als der letzter Satz fällt, schaut sie zu Stacy.
Sie haben gerade erzählt: Ihre Eltern lassen sich scheiden, Freddy erfährt es vor Ihnen, und Sie werden sauer. Mich interessiert der Moment dazwischen.
Die paar Sekunden zwischen ‘Freddy erzählt mir das’ und ‘Ich werde wütend. Enttäuscht.’
Was war der erste Gedanke, der Ihnen durch den Kopf gegangen ist?
Anna nickt leicht und hört Stacy bis zum Ende zu, ohne sie zu unterbrechen. Ihr Blick bleibt ruhig auf ihr.
Sie sagen gerade zweimal ‘eigentlich’. Eigentlich sollte es Ihnen egal sein. Eigentlich war alles ruhig. Dabei klingt es nach ziemlich viel, was in der ruhigen Woche passiert ist, und nach ziemlich vielen Dingen, die Sie beschäftigen
Anna neigt den Kopf leicht und lässt den Satz stehen. Ein Satz für Stacy, keiner der einer Antwort bedarf.
Ich frage mich gerade, was Sie daran trifft. Dass Ihre Eltern sich trennen möchten, oder dass Sie es von Freddy erfahren haben und nicht von ihnen selbst?
Anna lehnt sich auf ihrem Sessel zurück. Der Notizblock liegt heute nicht auf dem kleinen Beistelltisch, wie in der ersten Sitzung, sondern auf ihrem Schoß. Sie wirkt nicht anders als letzte Woche - ruhig und aufmerksam.
Anna blickt Stacy freundlich, aber auch interessiert an. Sie registriert die leicht rötlichen Augen und den Geruch nach Cannabis, klammert die Beobachtung aber erst mal aus. Vielleicht später.
Anna lehnt sich zurück.
Schön, dass Sie wieder da sind, Frau McKäsi.
Anna lässt den Kugelschreiber, den sie in der Hand hält, genau ein Mal klicken, dann legt sie ihn auf den Block.
Mich interessiert, wie die letzte Woche für Sie war. Wie ging es Ihnen nach dem ersten Gespräch, gab es Momente, wo Sie dachten, ‘Ah, genau deshalb gehe ich zur Therapie’?
Ohne Schärfe antwortet Anna.
Gut, dass Sie das so offen sagen. Nach einer Sitzung merkt man in der Regel noch keine Veränderung.
Wichtiger ist, dass wir gemeinsam dranbleiben. Und dass Sie mir sagen, wenn etwas für Sie nicht stimmig ist.
Wir schauen uns das in den nächsten Stunden an und dann entscheiden wir gemeinsam, ob es Ihnen hilft. Das ist kein Test, den ich bestehen muss sondern ein Prozess, den wir zusammen gestalten.
Anna steht auf.
Die Sitzung war sicher anstrengend für Sie. Sie können gerne noch einen Moment bleiben und sich sammeln. Bitte vereinbaren Sie beim Hinausgehen einen neuen Termin mit Frau Schmidt.
Dr. Keller nickt leicht, als Stacy so deutlich reagiert. Keine Irritation, nur ein kurzes Annehmen.
Okay.
Ein kleiner Moment, in dem die Spannung etwas abklingen kann.
Dann würde ich sagen, wir sind für heute an einem guten Punkt.
Sie wirft einen kurzen Blick zur Uhr, dann wieder zu Stacy.
Sie haben heute etwas angesprochen, das Sie ziemlich beschäftigt. Diese Situation mit Ihrem Freund… und wie schnell sich das für Sie zuspitzt. Wenn Sie wiederkommen, würde ich vorschlagen, dass wir uns genau solche Momente gemeinsam anschauen.
Schritt für Schritt, was da in Ihnen passiert und wie Sie damit so umgehen können, dass es sich weniger chaotisch anfühlt.
Sie lässt das kurz stehen, kein Druck.
Und diese zwei Seiten, die Sie beschrieben haben, die behalten wir dabei auch im Blick.
Stille. Dann etwas sachlicher, aber weiterhin ruhig.
In der Regel finden die Termine einmal pro Woche statt, jeweils 45 Minuten.
Können Sie sich vorstellen, wiederzukommen?
Sie lehnt sich nicht vor, bleibt einfach sitzen, lässt Stacy die Entscheidung.
Sie wollen, dass es aufhört. Ruhiger wird. Das ist ein ziemlich nachvollziehbarer Wunsch.
Annas Blick wandert unauffällig zu der Uhr an der Wand - sie hängt extra so, dass die Patienten sie nicht im Sichtfeld haben.
Wir sind für heute fast am Ende der Zeit. Bevor wir gleich schließen, würde ich Ihnen noch eine wichtige Frage stellen.
Anna überlegt kurz, wie sie diese Frage formuliert. Sie hat sie schon häufig gestellt, aber es ist eine Frage, die immer schwer bleiben wird.
Wenn es so überwältigend wird, kommen dann Gedanken auf, sich selbst zu schaden?
Dr. Keller bleibt ruhig, ihre Stimme deutlich leiser als Stacys zuvor.
Das klingt gerade sehr laut in Ihnen. Seiten, die gleichzeitig schreien.
Sie nickt leicht, als würde sie das einfach stehen lassen.
Und Sie wünschen sich, dass es stiller wird.
Ein kurzer Blickkontakt.
Oder zumindest verständlicher. Wenn beide Seiten so laut sind ist es schwer, überhaupt noch zu merken, was Sie selbst wollen.
Dr. Keller bleibt ruhig. Keine sichtbare Reaktion auf den kleinen Ausbruch, nur ein leichtes, verständnisvolles Nicken. Sie lässt den Raum einen Moment still werden.
Gerade eben klang es noch, als wäre Ihnen egal, was andere denken.
Eine kurze Pause
Und jetzt übernehmen Sie dieses Urteil sehr deutlich.
Ihr Blick bleibt ruhig, aber auf Stacy gerichtet.
Das wirkt wie zwei sehr unterschiedliche Seiten. Die eine will sich verteidigen und die andere verurteilt Sie ziemlich hart.
Sie lehnt sich minimal zurück, lässt Stacy Raum.
Welche von beiden ist gerade lauter?
Anna lehnt sich leicht zurück und lässt Stacys Aussage kurz auf sich wirken.
Ihre Freundin nennt Sie “scheiße”…
Anna spricht den Satz ruhig, noch immer ohne Wertung.
…und Sie übernehmen das ziemlich schnell für sich selbst.
Passiert Ihnen das öfter?
Dr. Keller nickt leicht. Ihr Blick bleibt ruhig bei Stacy. Sie lässt den letzten Satz einen Moment im Raum stehen.
Sie fühlen sich also schuldig. Und verurteilen sich ziemlich hart dafür.
Eine kurze Pause.
Und gleichzeitig kommt diese Stimme von außen dazu… von Ihrer Freundin.
Sie neigt den Kopf minimal, beobachtet Stacy genau.
Wenn Sie sagen “einfach scheiße”, was genau meinen Sie damit?
Anna bleibt ruhig sitzen, die Hände locker im Schoß. Kein sichtbares Erstaunen, kein Stirnrunzeln. Sie lässt einen kurzen Moment vergehen, nicht zu lang, aber lang genug, dass Stacys Worte wirken dürfen.
Das klingt nicht krank.
Ihre Stimme ist ruhig, fast sachlich.
Es klingt eher so, als hätten Sie in einer extremen Situation versucht, irgendwie Kontrolle zu behalten. Und der Gedanke, dass er Sie betrügen könnte… war in dem Moment stärker als die Sorge um ihn?
Annas Stimme klingt nicht wertend. Sie möchte nur Klarheit.
Wie war das für Sie, als Ihnen das selbst aufgefallen ist?
Anna lächelt leicht und schaut zu dem Helm.
Das glaube ihn Ihnen. Ein paar Sekunden Stille. Nehmen Sie sich ruhig einen Moment, um anzukommen.
Anna wartet kurz ab und fragt schließlich:
Was hat Sie dazu gebracht, heute hierher zu kommen?


Anna hört zu, ohne Stacy zu unterbrechen. Als Stacy lacht, lächelt sie ganz leicht mit - nicht groß, eher ein kurzes Mitgehen. Danach bleibt sie einen Moment still.
Sie haben gerade etwas ziemlich Spannendes beschrieben. Nicht: Ich habe Freddy vertraut und deshalb habe ich mich sicher gefühlt. Sondern eher: Er war einfach immer wieder da.
Eine kleine Pause.
Und dann sagen Sie direkt danach etwas anderes. Dass Sie versucht haben, ihn wegzudrücken… weil Sie Angst hatten, dass es kaputtgeht, wenn er Ihnen zu wichtig wird.
Sie neigt den Kopf leicht.
Mich würde interessieren: Was hat Ihnen damals gesagt, dass es kaputtgehen könnte?