Stacy ist den ganzen Morgen über nervös. Ein bisschen so, wie vor einem ersten Date, bei dem man schon vorher weiß, dass es scheiße wird. Sie hat sich fünfmal umgezogen, jedes Outfit fotografiert und Freddy geschickt, als bräuchte sie eine Bestätigung dafür, dass sie gut aussieht. Er fand alles gut. Natürlich fand er alles gut. Aber das hilft ihr nicht. Am Ende entscheidet sie sich für etwas, das man ohnehin kaum sehen wird, weil sie ihre Schutzkleidung anlassen wird. Draußen ist es eh nicht warm genug, um sie auszuziehen. Drinnen vielleicht schon. Aber sie wird sie trotzdem einfach anlassen.
Vor dem großen Ärztehaus stellt sie das Motorrad ab. Das Gebäude wirkt langweilig und irgendwie verbittert. Glas, Beton und viele Fenster, hinter denen Dinge passieren, die von außen nicht sichtbar sind. Der Aufzug bringt sie in den siebten Stock. Jede Zahl, die aufleuchtet, fühlt sich an wie ein Countdown ins Verderben. Oben angekommen steht sie vor einer Rezeption. Die Frau dahinter wirkt normal. Zu normal… Sehr viel an ihr erinnert sie an Dorothea. Stacy findet das gruselig.
Hallo… ich hab einen Termin.
“Den Namen bitte.”
Äh… den hab ich vergessen, sorry. Oh. Sie meinen meinen Namen. Stacy. Stacy McKäsi.
Die Frau nickt nur, tippt etwas auf der Tastatur.
“Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz.”
Stacy nickt und geht den kurzen Flur entlang zum Wartezimmer. Sie setzt sich und legt den Helm neben sich auf den Stuhl. Ihre Haare sind zerdrückt vom Helm, ein paar Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Sie spielt kurz daran herum, aber lässt es dann wieder, um nicht nervös zu wirken.

Sie atmet ein und wieder aus. Ein und wieder aus. Und fragt sich, ob sie vielleicht doch lieber aufstehen und einfach wieder gehen sollte.


Was?! Nein!! Mir doch egal, was andere denken!!
Stacy verschränkt die Arme und zieht bei der schnellen Armbewegung den Knoten auseinander. Ihr Kopf tut jetzt weh.
Aber… diesmal hat sie ja recht.
Ihre Stimme wird leiser.
Ich war scheiße. Oder… bin es vielleicht. So verhält man sich nicht. Freddy ist… eigentlich immer lieb. Rücksichtsvoll. Der macht alles, damit es mir gut geht. Und ich? Ich denk sofort das Schlechteste von ihm, wenn er sich mal nicht meldet. Also ja… vielleicht bin ich einfach eine scheiß Freundin.
In ihrem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ein Teil von ihr will sich rechtfertigen. Der andere Teil will sich ihre Fehler eingestehen.
Dr. Keller bleibt ruhig. Keine sichtbare Reaktion auf den kleinen Ausbruch, nur ein leichtes, verständnisvolles Nicken. Sie lässt den Raum einen Moment still werden.
Gerade eben klang es noch, als wäre Ihnen egal, was andere denken.
Eine kurze Pause
Und jetzt übernehmen Sie dieses Urteil sehr deutlich.
Ihr Blick bleibt ruhig, aber auf Stacy gerichtet.
Das wirkt wie zwei sehr unterschiedliche Seiten. Die eine will sich verteidigen und die andere verurteilt Sie ziemlich hart.
Sie lehnt sich minimal zurück, lässt Stacy Raum.
Welche von beiden ist gerade lauter?
Stacy sieht Anna irritiert. Kann sie Gedanken lesen??
Ich hab keine Ahnung!!
Die Antwort kommt schneller und lauter als geplant.
Ich weiß nur, dass ich hier bin, damit du… Sie mir sagen, was verdammt nochmal falsch mit mir ist, damit ich endlich normal werden kann!!
Sie gestikuliert hektisch rum.
Woher soll ich denn wissen, welche Seite lauter ist?! Die sind beide laut!! Die schreien beide!! Und das macht mich komplett verrückt!!
Dr. Keller bleibt ruhig, ihre Stimme deutlich leiser als Stacys zuvor.
Das klingt gerade sehr laut in Ihnen. Seiten, die gleichzeitig schreien.
Sie nickt leicht, als würde sie das einfach stehen lassen.
Und Sie wünschen sich, dass es stiller wird.
Ein kurzer Blickkontakt.
Oder zumindest verständlicher. Wenn beide Seiten so laut sind ist es schwer, überhaupt noch zu merken, was Sie selbst wollen.
Ja. ich will einfach dass das aufhört.
Stacy wirkt verzweifelt.
Ich will einfach normal sein.