Stacy ist den ganzen Morgen über nervös. Ein bisschen so, wie vor einem ersten Date, bei dem man schon vorher weiß, dass es scheiße wird. Sie hat sich fünfmal umgezogen, jedes Outfit fotografiert und Freddy geschickt, als bräuchte sie eine Bestätigung dafür, dass sie gut aussieht. Er fand alles gut. Natürlich fand er alles gut. Aber das hilft ihr nicht. Am Ende entscheidet sie sich für etwas, das man ohnehin kaum sehen wird, weil sie ihre Schutzkleidung anlassen wird. Draußen ist es eh nicht warm genug, um sie auszuziehen. Drinnen vielleicht schon. Aber sie wird sie trotzdem einfach anlassen.
Vor dem großen Ärztehaus stellt sie das Motorrad ab. Das Gebäude wirkt langweilig und irgendwie verbittert. Glas, Beton und viele Fenster, hinter denen Dinge passieren, die von außen nicht sichtbar sind. Der Aufzug bringt sie in den siebten Stock. Jede Zahl, die aufleuchtet, fühlt sich an wie ein Countdown ins Verderben. Oben angekommen steht sie vor einer Rezeption. Die Frau dahinter wirkt normal. Zu normal… Sehr viel an ihr erinnert sie an Dorothea. Stacy findet das gruselig.
Hallo… ich hab einen Termin.
“Den Namen bitte.”
Äh… den hab ich vergessen, sorry. Oh. Sie meinen meinen Namen. Stacy. Stacy McKäsi.
Die Frau nickt nur, tippt etwas auf der Tastatur.
“Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz.”
Stacy nickt und geht den kurzen Flur entlang zum Wartezimmer. Sie setzt sich und legt den Helm neben sich auf den Stuhl. Ihre Haare sind zerdrückt vom Helm, ein paar Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Sie spielt kurz daran herum, aber lässt es dann wieder, um nicht nervös zu wirken.

Sie atmet ein und wieder aus. Ein und wieder aus. Und fragt sich, ob sie vielleicht doch lieber aufstehen und einfach wieder gehen sollte.


Äh… die Fahrt war… ziemlich windig.
Stacy stellt den Helm neben sich auf den Boden. Ihr Blick wandert durch den Raum. Irgendwie ist es ihr hier nicht Geheuer.
Anna lächelt leicht und schaut zu dem Helm.
Das glaube ihn Ihnen. Ein paar Sekunden Stille. Nehmen Sie sich ruhig einen Moment, um anzukommen.
Anna wartet kurz ab und fragt schließlich:
Was hat Sie dazu gebracht, heute hierher zu kommen?
Stacy sitzt einen Moment still da, ihre Hände ineinander verschränkt. Man sieht, wie sie nach einem Anfang sucht.
Das klingt jetzt wahrscheinlich… komplett krank. Oder… keine Ahnung, einfach psychisch krank…
Stacy lacht unsicher.
Aber… mein Freund hatte so einen… total absurden Unfall. Und er musste ins Krankenhaus. Und… er lag im Koma. Aber das ist nicht das Schlimme.
Kurzes Schweigen.
Ich hab mir keine Sorgen gemacht, dass ihm was passiert ist. Also… nicht wirklich. Nicht so, wie man das vielleicht sollte. Ich hab die ganze Zeit nur daran gedacht, dass er sich vielleicht einfach nicht meldet, weil er… mit jemand anderem ist… Dass er mich betrügt. Ich hab sogar gepostet, dass ich single bin.
Stacy schweigt wieder.
Also… ja. Das war irgendwie der Moment, wo ich dachte, vielleicht… stimmt irgendwas nicht mit mir. Und dass nicht nur weil Vanja das gesagt hat!!
Sie vergisst kurz dass Anna? Frau Keller? Vanja gar nicht kennt.
Anna bleibt ruhig sitzen, die Hände locker im Schoß. Kein sichtbares Erstaunen, kein Stirnrunzeln. Sie lässt einen kurzen Moment vergehen, nicht zu lang, aber lang genug, dass Stacys Worte wirken dürfen.
Das klingt nicht krank.
Ihre Stimme ist ruhig, fast sachlich.
Es klingt eher so, als hätten Sie in einer extremen Situation versucht, irgendwie Kontrolle zu behalten. Und der Gedanke, dass er Sie betrügen könnte… war in dem Moment stärker als die Sorge um ihn?
Annas Stimme klingt nicht wertend. Sie möchte nur Klarheit.
Wie war das für Sie, als Ihnen das selbst aufgefallen ist?
Stacy beginnt wieder unsicher mit ihren Haaren zu spielen.
Ich hab mich… schuldig gefühlt. Und als wäre ich eine schreckliche Freundin. Vielleicht sogar… die schlimmste, die es gibt. Und dann hat meine beste Freundin gesagt, ich wäre scheiße. Weil ich Freddy nicht vom Krankenhaus abgeholt hab. Und… generell scheiße, weil ich mir keine Sorgen gemacht hab. Und jetzt… fühl ich mich auch einfach genau so. Einfach… scheiße.
Dr. Keller nickt leicht. Ihr Blick bleibt ruhig bei Stacy. Sie lässt den letzten Satz einen Moment im Raum stehen.
Sie fühlen sich also schuldig. Und verurteilen sich ziemlich hart dafür.
Eine kurze Pause.
Und gleichzeitig kommt diese Stimme von außen dazu… von Ihrer Freundin.
Sie neigt den Kopf minimal, beobachtet Stacy genau.
Wenn Sie sagen “einfach scheiße”, was genau meinen Sie damit?
*Stacy runzelt die Stirn. Sie weiß nicht was Anna… Frau Keller? Frau Doktor Keller? Naja, jedenfalls weiß Stacy nicht, was sie noch hören will.
Naja… scheiße halt. Also… schlecht. Schuldig…
Stacy versucht einen Knoten aus ihren Haaren zu lösen.
Ich weiß nicht genau, wie ich das sagen soll… Einfach wie ein schlechter Mensch.