Adelheid stapft mit ihrem Gehstock über den Dorfplatz. Unter dem Arm trägt sie eine raschelnde Plastiktüte, in der anderen Hand ein großes grünes Gurkenglas.

So. Da bin ich wieder.

Mein Handy wollte plötzlich ein Passwort. Ich hab ihm fünf Monate Zeit gegeben, sich das noch mal zu überlegen. Hat es nicht.

Sie wischt mit einem Taschentuch über ihre alte Parkbank, betrachtet kritisch eine Delle und setzt sich genau hinein.

Wer hat hier gesessen?

Ich hab eben in diese Dorfgruppe geguckt. Türen, Tiktok, Smashbooks, Hausaufgabenhefte. Das Dorf hat ohne mich offenbar weitergemacht, aber nur knapp.

Adelheid stellt das Gurkenglas neben sich und faltet die Hände über dem Stock.

Ab heute halte ich hier wieder Sprechstunde. Wer Liebeskummer, kaputte Geräte, Ärger mit Jugendlichen oder Fragen zur richtigen Entsorgung von Gurkengläsern hat, kommt zu mir.

Tee oder Kuchen sind als Bezahlung erlaubt. Fleisch auch. Vegan nur, wenn Dorothea darauf besteht.

Sie öffnet das Glas und hält eine Gurke hoch.

Also. Wer möchte eine Gurke und erzählt mir, was hier passiert ist?

Früher hat man Rückkehrer übrigens begrüßt. Ich warte.

    • Adelheid 98 - grünOP
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      9 days ago

      Adelheid zieht das Glas an sich, als hätte Luis nach einem Staatsgeheimnis gefragt.

      Random? Die sind eingelegt, Jungchen. Gurken hat man dabei, falls jemand Hunger hat, der Kreislauf absackt oder man plötzlich ein Glas braucht. Das nennt man Vorbereitung.

      Sie fischt eine Gurke heraus und hält sie ihm hin.

      Du kannst eine haben. Aber erst ordentlich fragen. Früher hat man zu einer Gurke noch Bitte gesagt.

        • Adelheid 98 - grünOP
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          9 days ago

          Adelheid hält Luis feierlich genau eine Gurke hin.

          Na bitte. Es geht doch. Die Aussprache ist etwas ausgeleiert, aber das Bitte war eindeutig.

          Hier. Eine Gurke. Nicht damit rennen, und die Lake bleibt im Glas. Wer ordentlich fragt, kriegt auch ordentlich Gemüse.

  • Dörte Blauschwatz,50,Gastwirtin; Grün
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    9 days ago

    Dörte macht einen ruhigen Sonntagsspaziergang,als sie plötzlich eine alte Frau sieht,die mit einem Gurkenglas in der Hand auf einer Bank sitzt und mit sich selber redet. Kritisch,aber auch etwas neugierig spaziert sie auf die alte Frau zu,von der sie meint,sie vielleicht schon einmal gesehen zu haben.

    Guten Tag,Dörte mein Name. Ich habe sie gerade aus der Ferne beobachtet und wollte fragen,ob ich mich zu ihnen setzen darf.

    • Adelheid 98 - grünOP
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      9 days ago

      Adelheid rückt genau eine Handbreit zur Seite und mustert Dörte über den Rand ihrer Brille.

      Dörte. Gastwirtin, ja? Dann dürfen Sie sich setzen. Wer ein Wirtshaus führt, weiß wenigstens, dass man Menschen erst begrüßt und dann ausfragt.

      Sie klopft mit der flachen Hand auf den freien Platz und hält ihr das Gurkenglas hin.

      Nehmen Sie eine. Aber sagen Sie mir vorher: Haben Sie in Ihrer Gastwirtschaft noch ordentlichen Eierlikör oder gibt es da jetzt auch nur diese neumodischen Spritzgetränke?

      • Dörte Blauschwatz,50,Gastwirtin; Grün
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        9 days ago

        Ich danke ihnen. Setzt sich neben Adelheid und lächelt einmal freundlich. Tatsächlich verkaufe ich allerhand Getränke dort und zu ihrem Glück auch Eierlikör. Meine Kundschaft ist meist im fortgeschrittenen Alter,da besteht of weniger Interesse an neumodischen Getränken.

        Betrachtet Adelheid etwas neugierig. Verzeihen sie bitte,wenn ich so direkt frage,aber ich war lange weg. Kenne ich sie vielleicht noch von früher? Ich bin hier im Dorf aufgewachsen,in der Beethovenstraße über dem Gasthaus,es hat einst meinem Vater Ernst gehört. Ich bin nur neugierig,schließlich habe ich sie länger nicht gesehen

        • Adelheid 98 - grünOP
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          9 days ago

          Adelheid nickt beim Wort Eierlikör so feierlich, als wäre eine wichtige Prüfung bestanden.

          Na also. Dann ist bei Ihnen wenigstens noch nicht alles verloren.

          Sie schiebt die Brille tiefer auf die Nase und betrachtet Dörte lange, ohne sie anzufassen.

          Beethovenstraße über dem Gasthaus … und Ernst hieß Ihr Vater? Der Name klingelt, aber bei mir klingelt inzwischen vieles, manchmal bloß das Hörgerät. Sie kommen mir bekannt vor. Ich bin Adelheid. Wie lange waren Sie fort – und unter welchem Familiennamen kannte man Sie damals? Dann kriegen wir das schon sortiert. Mit 98 vergisst man keine Menschen. Man legt sie höchstens in die falsche Schublade.

          • Dörte Blauschwatz,50,Gastwirtin; Grün
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            9 days ago

            Adelheid. Dörte lässt den Namen eine Weile durch ihre Gedanken kreisen und glaubt,sich damals an eine Frau erinnern zu können,die damals schon alt war. Sie ignoriert einfach mal den Kommentar,dass bei ihr noch nicht alles verloren sei.

            Mein Mädchenname war natürlich Halser,so wie es immernoch über dem Eingangsschild steht,auch wenn dies zugegeben schon sehr abgetragen ist. Und ich war fast 30 Jahre im Ausland,bevor ich wieder heimgekehrt bin. Ich konnte es mir nicht nehmen lassen einmal die Welt zu sehen und es war eine meiner besten Entscheidungen. Und wie ist bei ihnen? Sind sie auch gerne verreist?

            • Adelheid 98 - grünOP
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              9 days ago

              Adelheid tippt mit einem Finger gegen den Knauf ihres Stocks, als würde sie in einer alten Schublade suchen.

              Halser. Na bitte. Dreißig Jahre Ausland erklären immerhin, warum ich Sie nicht gleich einsortiert habe.

              Gern verreist? Ich bin 98. In meinem Alter ist schon der Weg zum anderen Ende der Parkbank eine Bildungsreise. Früher bin ich fortgefahren, wenn es etwas zu erledigen gab. Bloß zum Herumgucken hatte ich selten Zeit. Die Welt kommt auch zu einem, wenn man lange genug auf derselben Bank sitzt.

              Sie hält Dörte das Gurkenglas wieder hin.

              Und wo hat es Ihnen am besten gefallen – außer hier, versteht sich?

              • Dörte Blauschwatz,50,Gastwirtin; Grün
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                9 days ago

                Nun das sehe ich anders. Die Welt kommt nicht einfach so zu einem,wenn man etwas haben möchte,muss man es sich holen. Die Welt wartet nicht auf einen,obwohl sie einem schon Zeit lässt.

                Lächelt Adelheid an und dankend eine der Gurken.

                Am besten gefiel es mir in Schweden. Dort habe ich auch viele Jahre gewohnt. Am liebsten wäre ich noch etwas länge geblieben,aber bei mir war es nun mal so,dass ich einfach nicht zu lange an einem Ort bleiben kann,ohne dass ich nicht von Fernweh übermannt werde.

                • Adelheid 98 - grünOP
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                  9 days ago

                  Adelheid hebt eine Augenbraue, lässt Dörte die Gurke aber behalten.

                  Anderssehen dürfen Sie. Dafür sind Augen schließlich paarweise eingebaut.

                  Schweden also. Viel Wasser, viel Wald und offenbar genug Platz fürs Fernweh. Ich sage ja nicht, dass man nie losziehen soll. Bloß dass man nicht jede Unruhe für einen Reiseplan halten darf. Wer immer weiterzieht, verpasst manchmal, was sich direkt neben die Bank setzt.

                  Sie tippt mit dem Stock einmal auf das Pflaster.

                  Und nun sind Sie wieder hier. Ist das Fernweh müde geworden – oder macht es bloß Pause?