Stacy ist nervös. Heute ist ihre zweite Therapiesitzung. Es fühlt sich an, als würden sich ihre Probleme immer weiter auftürmen, obwohl sie in der letzten Sitzung nicht mal eines davon wirklich lösen konnte.
Wieder sitzt sie Frau Keller gegenüber, in diesen unbequemen Sesseln, die sich mehr nach Wartezimmer als nach Sicherheit fühlen. Für einen langen Moment sagt keine von beiden etwas.
Stacy rutscht unruhig auf dem Sitz hin und her, bevor sie schließlich die Stille durchbricht.
Und… was jetzt?


Ich glaube, es war relativ ruhig… ruhiger als sonst vielleicht?! Ich hab jetzt eine Aushilfe für den Sommer im Stoffwechsel… also in meiner Boutique. Freddy und ich waren in Paris und… ja. Ansonsten war eigentlich alles wie immer, glaub ich.
Stacy überlegt kurz und spielt gedankenverloren mit der Kette um ihren Hals.
Gestern hab ich mich irgendwie darauf gefreut, heute herzukommen. Freddy hat mir nämlich erzählt, dass meine Eltern sich scheiden lassen wollen… Eigentlich sollte es mir egal sein. Also… ist es vielleicht auch ein bisschen. Aber irgendwie eben auch nicht?! Ich versteh einfach nicht, warum ich sowas von Freddy erfahre und nicht von meinen Eltern?!
Anna nickt leicht und hört Stacy bis zum Ende zu, ohne sie zu unterbrechen. Ihr Blick bleibt ruhig auf ihr.
Sie sagen gerade zweimal ‘eigentlich’. Eigentlich sollte es Ihnen egal sein. Eigentlich war alles ruhig. Dabei klingt es nach ziemlich viel, was in der ruhigen Woche passiert ist, und nach ziemlich vielen Dingen, die Sie beschäftigen
Anna neigt den Kopf leicht und lässt den Satz stehen. Ein Satz für Stacy, keiner der einer Antwort bedarf.
Ich frage mich gerade, was Sie daran trifft. Dass Ihre Eltern sich trennen möchten, oder dass Sie es von Freddy erfahren haben und nicht von ihnen selbst?
Naja…
Stacy will schon wieder “eigentlich” sagen, schluckt das Wort diesmal aber runter.
Es war irgendwie abzusehen, dass sie sich irgendwann scheiden lassen würden. Mein Vater betrügt meine Mutter, seit ich denken kann. Ob mit der Haushälterin oder seiner Sekretärin… ich weiß es. Also… zumindest bin ich mir ziemlich sicher. War doch klar, dass sie sich irgendwann auch ne andere Beschäftigung sucht, oder nicht?! Aber dass er dann extra zu uns fährt, Freddy abholt und sich bei ihm ausheult… oder was auch immer das gewesen sein soll? Wtf!! Also ja… ich glaube, ich bin gar nicht unbedingt wegen der Scheidung sauer. Eher darüber, dass er Freddy davon erzählt hat und nicht mir. Aber was hab ich auch anderes erwartet…??
Anna hört geduldig zu und notiert sich zwischendurch kurz etwas. Als der letzter Satz fällt, schaut sie zu Stacy.
Sie haben gerade erzählt: Ihre Eltern lassen sich scheiden, Freddy erfährt es vor Ihnen, und Sie werden sauer. Mich interessiert der Moment dazwischen.
Die paar Sekunden zwischen ‘Freddy erzählt mir das’ und ‘Ich werde wütend. Enttäuscht.’
Was war der erste Gedanke, der Ihnen durch den Kopf gegangen ist?
Äh… ich weiß nicht. Unglaube? Enttäuschung? Nee… das sind eher Gefühle… Ich glaube, mein erster Gedanke war einfach nur: “Was?!” Mehr eigentlich nicht. Vielleicht…
Sie hält kurz inne und merkt selbst, wie sie abschweifen will.
…wahrscheinlich war mein erster Gedanke einfach, warum Freddy es weiß und ich nicht. Ich hab in dem Moment gar nicht so viel gedacht, sondern einfach reagiert. Wissen Sie, wie ich das meine??
Anna nickt leicht.
Ja.
Und eigentlich beschreiben Sie gerade etwas ziemlich Wichtiges. Viele Menschen denken, sie hätten in solchen Momenten einen langen, klaren Gedankengang. Aber oft ist es eher etwas sehr Schnelles. Nicht unbedingt ein ganzer Satz wie: Ich fühle X, deshalb denke ich Y.
Eine kleine Pause.
Manchmal ist es einfach nur: Warum weiß Freddy das? Und direkt danach ist das Gefühl schon da.
Sie neigt den Kopf leicht.
Wissen Sie noch, was unmittelbar danach kam? Wut? Ein Kloß im Hals? Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein? Vielleicht etwas in die Richtung?
Irgendwie war ich enttäuscht… obwohl es gleichzeitig total typisch war. Aber nicht nur von meinem Vater, weil er’s Freddy erzählt hat und nicht mir. Sondern auch von meiner Mutter, die mir einfach gar nichts gesagt hat. Und von meinem Bruder auch… der hat sich ja ebenfalls nicht mal bei mir gemeldet.
Stacy wirkt nachdenklich.
Eigentlich hätte ich mich gern richtig aufgeregt. Aber dann dachte ich mir, dass es wahrscheinlich die bessere Entscheidung ist, einfach ins Kino zu gehen.
Anna nickt leicht und hört Stacy bis zum Ende zu. Beim letzten Satz bleibt sie einen kurzen Moment still.
Sie sagen gerade etwas Interessantes. Erst erzählen Sie, dass Sie enttäuscht waren - von Ihrem Vater, Ihrer Mutter und Ihrem Bruder. Und direkt danach sagen Sie: Dann bin ich einfach ins Kino gegangen.
Mich interessiert die Alternative. Was wäre passiert, wenn Sie sich richtig aufgeregt hätten?
Naja… ich wäre wahrscheinlich komplett ausgerastet. Nein… vielleicht auch nicht. Ich mein, Freddy war ja da und er hätte mich getröstet… Also vielleicht hätte ich einfach nur… geheult. Aber vielleicht hätte ich auch die Liege in den Pool geschmissen und wäre wütend nach Hause gefahren…
Stacy stockt kurz und korrigiert sich.
Also… in die Stadt zu meinen Eltern. Um einfach alle anzuschreien.