Stacy ist nervös. Heute ist ihre zweite Therapiesitzung. Es fühlt sich an, als würden sich ihre Probleme immer weiter auftürmen, obwohl sie in der letzten Sitzung nicht mal eines davon wirklich lösen konnte.
Wieder sitzt sie Frau Keller gegenüber, in diesen unbequemen Sesseln, die sich mehr nach Wartezimmer als nach Sicherheit fühlen. Für einen langen Moment sagt keine von beiden etwas.
Stacy rutscht unruhig auf dem Sitz hin und her, bevor sie schließlich die Stille durchbricht.
Und… was jetzt?


Anna nickt leicht und hört Stacy bis zum Ende zu. Beim letzten Satz bleibt sie einen kurzen Moment still.
Sie sagen gerade etwas Interessantes. Erst erzählen Sie, dass Sie enttäuscht waren - von Ihrem Vater, Ihrer Mutter und Ihrem Bruder. Und direkt danach sagen Sie: Dann bin ich einfach ins Kino gegangen.
Mich interessiert die Alternative. Was wäre passiert, wenn Sie sich richtig aufgeregt hätten?
Naja… ich wäre wahrscheinlich komplett ausgerastet. Nein… vielleicht auch nicht. Ich mein, Freddy war ja da und er hätte mich getröstet… Also vielleicht hätte ich einfach nur… geheult. Aber vielleicht hätte ich auch die Liege in den Pool geschmissen und wäre wütend nach Hause gefahren…
Stacy stockt kurz und korrigiert sich.
Also… in die Stadt zu meinen Eltern. Um einfach alle anzuschreien.
Anna bleibt einen Moment still und beobachtet Stacy aufmerksam.
Sie haben sich gerade drei- oder viermal korrigiert. Erst ausrasten. Dann weinen. Dann Freddy. Dann wieder anschreien.
Ihr Blick bleibt ruhig.
Ich habe gerade den Eindruck, dass Sie versuchen herauszufinden, was Sie in dem Moment eigentlich gebraucht hätten.
Wie soll ich denn wissen, was passiert wäre, wenn gar nichts passiert ist?!
Stacy verschränkt trotzig die Arme.
Ich hab Freddy gebraucht und Freddy war für mich da. Reicht das denn nicht?!
Anna bleibt ruhig sitzen. Sie reagiert nicht auf den Trotz, als wäre er einfach ein weiterer Teil des Gesprächs und nichts, das abgewehrt werden müsste.
Das kann absolut reichen. Ich frage nicht, weil ich Ihre Reaktion auseinandernehmen oder bewerten möchte. Mir ist nur etwas aufgefallen.
Sie erzählen gerade von etwas, das Sie verletzt hat… und in dem Moment, in dem es unangenehm wird, gehen wir sehr schnell zu: Aber Freddy war da.
Und ich frage mich, ob wir Ihre Enttäuschung gerade ein bisschen überspringen.
Stacy lacht kurz trocken auf.
Ich bin enttäuscht, seit ich klein bin. Das wird sich wahrscheinlich nie ändern. Meiner “Familie” bin ich doch eh egal. Ist es dann wirklich so schlimm, wenn ich mich stattdessen auf Freddy konzentriere?
Anna hört Stacy an, ohne sofort zu antworten. Als das Wort “Familie” fällt, mit den Anführungszeichen fast hörbar in der Stimme, bleibt sie einen kurzen Moment still.
Nein.
Sie antwortet ruhig und ohne zu urteilen.
Es ist überhaupt nicht schlimm, sich auf jemanden zu konzentrieren, der einem gut tut. Und es klingt gerade auch nicht so, als würden Sie Freddy stattdessen wählen. Es klingt eher so, als hätten Sie irgendwann gelernt, dass Sie sich auf Ihre Familie nicht besonders verlassen können.
Und dass Freddy für Sie etwas geworden ist, das sich sicherer anfühlt.
Stacy nickt und denkt lange nach.
Freddy hat mich wenigstens nie behandelt, als wäre ich zu viel und gleichzeitig zu wenig. Er hat nie vergessen mich von der Schule abzuholen. Er hat mir nie die Schuld für Dinge gegeben, für die ich gar nichts konnte. Er hat mich nicht runtergemacht, beleidigt oder so angesehen, als wäre mit mir irgendetwas falsch. Freddy hat mich noch nie wie eine Enttäuschung behandelt. Nicht ein einziges Mal.
Anna bleibt einen Moment still. Ihr Blick wird etwas weicher, aber unverändert ruhig.
Das klingt gerade nicht nach jemandem, den Sie einfach nur lieben. Das klingt nach jemandem, bei dem Sie sich sehr sicher fühlen.
Kurze Stille.
Wie fühlt sich das an? Sich bei jemandem sicher zu fühlen? Und wissen Sie noch, wann Sie das bei Freddy zum ersten Mal gemerkt haben?