Stacy ist nervös. Heute ist ihre zweite Therapiesitzung. Es fühlt sich an, als würden sich ihre Probleme immer weiter auftürmen, obwohl sie in der letzten Sitzung nicht mal eines davon wirklich lösen konnte.
Wieder sitzt sie Frau Keller gegenüber, in diesen unbequemen Sesseln, die sich mehr nach Wartezimmer als nach Sicherheit fühlen. Für einen langen Moment sagt keine von beiden etwas.
Stacy rutscht unruhig auf dem Sitz hin und her, bevor sie schließlich die Stille durchbricht.
Und… was jetzt?


Anna hört geduldig zu und notiert sich zwischendurch kurz etwas. Als der letzter Satz fällt, schaut sie zu Stacy.
Sie haben gerade erzählt: Ihre Eltern lassen sich scheiden, Freddy erfährt es vor Ihnen, und Sie werden sauer. Mich interessiert der Moment dazwischen.
Die paar Sekunden zwischen ‘Freddy erzählt mir das’ und ‘Ich werde wütend. Enttäuscht.’
Was war der erste Gedanke, der Ihnen durch den Kopf gegangen ist?
Äh… ich weiß nicht. Unglaube? Enttäuschung? Nee… das sind eher Gefühle… Ich glaube, mein erster Gedanke war einfach nur: “Was?!” Mehr eigentlich nicht. Vielleicht…
Sie hält kurz inne und merkt selbst, wie sie abschweifen will.
…wahrscheinlich war mein erster Gedanke einfach, warum Freddy es weiß und ich nicht. Ich hab in dem Moment gar nicht so viel gedacht, sondern einfach reagiert. Wissen Sie, wie ich das meine??
Anna nickt leicht.
Ja.
Und eigentlich beschreiben Sie gerade etwas ziemlich Wichtiges. Viele Menschen denken, sie hätten in solchen Momenten einen langen, klaren Gedankengang. Aber oft ist es eher etwas sehr Schnelles. Nicht unbedingt ein ganzer Satz wie: Ich fühle X, deshalb denke ich Y.
Eine kleine Pause.
Manchmal ist es einfach nur: Warum weiß Freddy das? Und direkt danach ist das Gefühl schon da.
Sie neigt den Kopf leicht.
Wissen Sie noch, was unmittelbar danach kam? Wut? Ein Kloß im Hals? Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein? Vielleicht etwas in die Richtung?
Irgendwie war ich enttäuscht… obwohl es gleichzeitig total typisch war. Aber nicht nur von meinem Vater, weil er’s Freddy erzählt hat und nicht mir. Sondern auch von meiner Mutter, die mir einfach gar nichts gesagt hat. Und von meinem Bruder auch… der hat sich ja ebenfalls nicht mal bei mir gemeldet.
Stacy wirkt nachdenklich.
Eigentlich hätte ich mich gern richtig aufgeregt. Aber dann dachte ich mir, dass es wahrscheinlich die bessere Entscheidung ist, einfach ins Kino zu gehen.
Anna nickt leicht und hört Stacy bis zum Ende zu. Beim letzten Satz bleibt sie einen kurzen Moment still.
Sie sagen gerade etwas Interessantes. Erst erzählen Sie, dass Sie enttäuscht waren - von Ihrem Vater, Ihrer Mutter und Ihrem Bruder. Und direkt danach sagen Sie: Dann bin ich einfach ins Kino gegangen.
Mich interessiert die Alternative. Was wäre passiert, wenn Sie sich richtig aufgeregt hätten?
Naja… ich wäre wahrscheinlich komplett ausgerastet. Nein… vielleicht auch nicht. Ich mein, Freddy war ja da und er hätte mich getröstet… Also vielleicht hätte ich einfach nur… geheult. Aber vielleicht hätte ich auch die Liege in den Pool geschmissen und wäre wütend nach Hause gefahren…
Stacy stockt kurz und korrigiert sich.
Also… in die Stadt zu meinen Eltern. Um einfach alle anzuschreien.
Anna bleibt einen Moment still und beobachtet Stacy aufmerksam.
Sie haben sich gerade drei- oder viermal korrigiert. Erst ausrasten. Dann weinen. Dann Freddy. Dann wieder anschreien.
Ihr Blick bleibt ruhig.
Ich habe gerade den Eindruck, dass Sie versuchen herauszufinden, was Sie in dem Moment eigentlich gebraucht hätten.
Wie soll ich denn wissen, was passiert wäre, wenn gar nichts passiert ist?!
Stacy verschränkt trotzig die Arme.
Ich hab Freddy gebraucht und Freddy war für mich da. Reicht das denn nicht?!
Anna bleibt ruhig sitzen. Sie reagiert nicht auf den Trotz, als wäre er einfach ein weiterer Teil des Gesprächs und nichts, das abgewehrt werden müsste.
Das kann absolut reichen. Ich frage nicht, weil ich Ihre Reaktion auseinandernehmen oder bewerten möchte. Mir ist nur etwas aufgefallen.
Sie erzählen gerade von etwas, das Sie verletzt hat… und in dem Moment, in dem es unangenehm wird, gehen wir sehr schnell zu: Aber Freddy war da.
Und ich frage mich, ob wir Ihre Enttäuschung gerade ein bisschen überspringen.