Anni sitzt mit einer Thermoskanne Kaffee und einer Kuscheldecke im Ziegenstall. Es ist eine merkwürdige Jahreszeit. Die drei Ziegen liegen aneinandergekuschelt, Anni hat sich einfach dazugesetzt. Sie schläft schlecht momentan.
Gestern war Wintersonnwende. Irgendjemand hat Fackeln aufgestellt. Das Dorf ist irgendwie ruhiger, auch, wenn nicht weniger als sonst los ist. Anni fühlt sich komisch. Innerlich und äußerlich. Sie lehnt sich zurück, legt ihren Kopf auf Kilians Flanke und schließt die Augen.
Hallo Anni, bist du auch müde? Pesto kommt mit einem Hasen auf dem Arm dazu
Oh. Pesto… Hi.
Was ist los? Du siehst traurig aus!
Ich… Anni guckt auf den Boden. Ja es ist irgendwie… ^komisch gerade. Alles^.
Oh. Pesto nickt finde ich auch… warum bitte gibt es hier keinen Weihnachtsmann? Merkwürdig.
Anni schaut Pesto mit einer Mischung aus Verwunderung, Sympathie, Mitgefühl, und… sie weiß es selbst nicht an und lächelt. Es ist ein ehrliches Lächeln. Ach Pesto. Sie umarmt ihn.
Vanja klingelt bei Anni
Anni hört die Klingel im Haus und seufzt. Nachdem sie eine Minute zu lang überlegt hat, ob sie jetzt wirklich aufstehen soll, rafft sie sich auf und guckt um die Gartenecke zur Haustür. Hi, Vanja. Ich bin hier drüben. Was gibt’s?
Hi Anni! Brauchst du Hilfe beim Fenster putzen? sie bemerkt, dass Anni irgendwie fertig aussieht alles in Ordnung?
Also ich äh … Hatte eigentlich gar nicht vor, Fenster zu putzen? ^sind die so schmutzig?^
Ja… alles okay… Also… Ich weiß auch nicht. Es ist alles ein wenig komisch gerade.
Ne keine Sorge aber habe so ein lustiges gerät von freddy bekommen das ich jetzt ausprobiere!!!
Inwiefern komisch? Gehts dir nicht gut?
Anni guckt Vanja an. Das nette Mädchen, das ihr am Anfang im Dorf geholfen hat. Ihr einen Platz auf dem Sofa angeboten hat. Die sie trotzdem nur wenig kennt. Und die sie in der Bibliothek
beraubtAnni schluckt - der sie nicht die Wahrheit gesagt hat. Ich… Ach es ist nichts. Nur… viele Dinge im Kopf, weißt du, die ich… die ich noch nicht richtig einordnen kann.Das verstehe ich! Ich kann meditieren empfehlen! Das hat mir viel geholfen!!! Und wenn du ein Selbsthilfebuch brauchst, du weißt ja wo du sie finden kannst!
Auch Princess ist die Veränderung in der Luft des Dorfes aufgefallen. Die Menschen scheinen ruhiger, aber gleichzeitig gestresster, als wäre eine Last von ihnen abgefallen und eine neue aufgeladen worden. Aber die neue Last ist nicht NUR Last, auch Freude. Zahlreiche Menschen, die sie noch nicht kennt, sind in den letzten Tagen im Dorf aufgetaucht, doch sie wirken nicht, als ob sie bleiben wollen. Sie wirken fremd, als wäre es mal ihr Revier gewesen, doch nun wirken sie wie Eindringlinge. Wie Fremde. Wie Besucher.
Auch zahlreiche neue Düfte liegen im Wind. Princess kennt sie, und doch wirken sie fremd. Gewürzter Kuchen. Erhitzter Wein mit Kräutern. Bienenwachs, der verbrannt wird. Und es riecht schon wieder nach Schnee.
Der Weg zum Hornteufel-Gehege ist Princess mittlerweile vertraut. Vom Baumhaus immer nach Süden, vorsichtig am Kindergehege vorbeschleichen - doch heute ist es auffällig ruhig hier - vorbei am Haus der Glocken, über die große Straße. Dann geduckt und schnell über den großen Platz. Übers Dach vom Blumenhaus, aufs Nachbargebäude, auf den Schuppen, und dann wartet der kleine Hornteufel eigentlich schon auf sie.
Princess hat in den letzten Tagen immer wieder bei den Hornteufeln vorbeigeschaut. Die Tiere faszinieren sie. Sie sind wild und roh und chaotisch. Ganz anders als sie selbst, die eher berechnend, geduldig und bewertend ist. Doch Gegensätze ziehen sich an. Auch, wenn die Präsenz der Hornteufel in den ersten Momenten beeindruckend ist, hat sich trotzdem eine kleine Freundschaft zum Kleinsten der Drei - Princess nennt ihn Hummeln-Im-Huf - entwickelt und Princess war öfter zu Besuch im Ziegengehege gewesen.
Sie springt mit einem kleinen Satz durch die unterste Lücke im Zaun - und bleibt wie erstarrt stehen, als drei Paar Hornteufel-Augen sie anschauen. Eine Menschin liegt bei ihnen, mit geschlossenen Augen und bunten Haaren.
Ungewöhnlich, denkt Princess, und geht ihre Optionen durch.
Anni hat nichts davon mitbekommen mitbekommen und auch die Ziegen bleiben ruhig bei ihr liegen. Sie haben sich an die Besucherin in ihrem Verschlag gewöhnt und schauen die stille Samtpfote nur ruhig an.
Princess behält die Menschin, die mit ihren bunten Haaren wirklich furchtbar schlecht getarnt ist, im Auge und kauert sich mit tiefem Rücken in die Erde. Ihre Instinkte spielen alle Optionen durch - Flucht, Angriff, Unsichtbar werden -, als plötzlich ein leises Rascheln im Gebüsch zu hören ist.
Die Ohren der Katze zucken, um das Geräusch so präzise wie möglich zu ordnen und einzusortieren. Ihre Schnurrhaare spüren die Vibration der Erde: kleine Mäusepfoten. Eine vierte Option tut sich auf, und Princess ist nicht in der Lage, diese zu ignorieren. Sie schleicht langsam, ohne die Hornteufel und die Menschin aus den Augen zu lassen, Richtung Gebüsch.
Sie hört die Maus laut und deutlich, hört das leise fiepsen, hört jeden aufgeregten Atemzug und jeden Herzschlag. Sie weiß genau, wo sie ist und wann sie, wenn sie ihr Tempo beibehält, aus dem Strauch kommen und die freie Fläche betreten wird.
Gleich, denkt Princess.
Und kaum ist der Gedanke zu Ende gedacht, erblickt sie die Maus, kaum einen Meter von ihr entfernt. Der kleine Fellknäuel schaut die Katze entsetzt an, als sie ihren Fehler begreift, doch da ist Princess bereits in der Luft. Ein präzise kalkulierter Sprung, im Flug gleiten ihre Krallen aus der Pfote und mit einem gezielten Hieb haucht die Maus ihr Leben aus.
Princess ist sich sicher, dass die Menschin nun etwas gehört haben muss, und auch die Hornteufel schauen neugierig zu ihr rüber, also nimmt sie die Maus ins Maul und klettert mit drei gezielten Griffen auf den Verschlag. Sie bleibt kurz stehen und lauscht, kein ungewöhnliches Geräusch ist von unten zu hören. Kein Rascheln von Kleidung, kein Anspannen von Muskeln. Vielleicht schläft die Menschin. Tot ist sie nicht, sie hört ihren Atem und das Schlagen des Herzens, doch sie scheint nicht aufstehen zu wollen.
Vielleicht ist sie eingeschlafen?, denkt Princess, und beginnt, die Maus zu verspeisen.
Spätestens der Sprung auf das Dach des Verschlages hat Anni merken lassen, dass sie und die drei nicht allein sind. Still lauscht sie, ob sie das Geräusch zuordnen kann. Ist der Dachs plötzlich wieder da?
Princess schlingt die Maus gierig runter und schleckt sich kurz die Lippen, bevor sie vorsichtig über den Rand des Verschlages schaut. Sie wollte eigentlich so gerne Hummeln-im-Huf begrüßen, die Menschin stört sie WIRKLICH.
Taika muss wieder mit Tiberius auf seinen langweiligen Ortskontrollegang, immer die selbe Strecke, immer in den selben Garten kacken und immer will Tiberius an den langweiligen Abstecher machen und dort riechen.
Als sie bei Anni vorbeilaufen und sie die Ziege riecht beschließt sie, dass heute von ihr ein Abstecher gemacht wird und mit jedem Tag den sie wächst wird es für Tiberius schwieriger sie auf seiner Spur zu halten, so dass sie schließlich beide im Stall stehen.
Als die beiden Hunde im Stall stehen, reagieren die Ziegen nicht so gelassen wie bei der Katze. Anni wird unsanft aus ihrer Liegeposition gerissen und hat plötzlich eine feuchte Hundeschnauze im Gesicht. Was… Taika? Tiberius? Was macht ihr hier?
Tiberius sieht sie eisern an, er weiss schließlich, dass Käse Poppers kein Essen sind.
Eigentlich wollte Taika ja nur Käse Poppers, aber jetzt findet sie alles andere viel spannender, und scheucht herum schnuffelnd die Ziegen auf.





