Lieber Bürgermeister,
Heute, am allerersten Tag nach der Schließung des Jugendclubs, ist ein Teenager mit einem Kind auf ein Windrad geklettert. Nicht auf einen Baum. Nicht auf ein Garagendach. Auf ein Windrad. Rund 150 Meter hoch. Glatte Metallleiter. Wind. Eis. Kein Geländer, kein Sicherungsgurt, keine Fachkräfte. Ein falscher Schritt. Ein nasser Stiefel. Ein Moment Panik. Und dann bedeutet das: den sofortigen Tod.
Ich will, dass dir klar wird, was hier beinahe passiert ist: Ein Kind hätte vor unseren Augen abstürzen können. Ein Jugendlicher hätte damit leben müssen, ein Leben verloren zu haben. Familien wären zerbrochen. Eine ganze Dorfgemeinschaft traumatisiert. Und wofür? Weil du ihnen gerade den einzigen Ort genommen hast, an dem Erwachsene hinschauen, begleiten, Grenzen erklären und auffangen. Jugendliche suchen Risiko. Das ist normal. Aber ohne sichere Orte kippt dieses Risiko in Lebensgefahr.
Du hast den Jugendclub geschlossen: abrupt, öffentlich und beschämend. Ohne Gespräch. Ohne Plan. Ohne Auffangangebot. Und sofort passiert etwas, das hätte tödlich enden können.
Ich kritisiere nicht, um dir das Leben schwer zu machen. Ich schreibe, weil ich heute ernsthaft Angst hatte, ein Kind zu verlieren. Und diese Angst werde ich nicht kleinreden. Bitte übernimm Verantwortung. Nicht morgen. Nicht nach Prüfung der Sachlage. Jetzt.
Dorothea Sonnentau


Dorothea sieht sich das Dokument genauer an. Freddy, du bist keine Fachkraft hier oben. Selbst wenn du zehn Scheine hättest. Windräder sind Betriebsanlagen. Kein Spielplatz. Du hattest keine Freigabe, keine Erlaubnis, kein Team, keine Absicherung durch den Betreiber. Und gut gesichert ist kein Argument, wenn ein Gurt versagt, wenn Panik ausbricht, wenn jemand rutscht, ist man tot. 150 Meter sind kein Abenteuer. Das ist Lebensgefahr. Und als angehender Erzieher ist das doppelt schlimm: Du hast Aufsichtspflicht und du hast sie grob verletzt. Ich bin nicht beeindruckt, ich bin entsetzt. So etwas passiert nie wieder. Wir besprechen das offiziell mit Benni, dem Bürgermeister Niko, den Eltern von Luis und deiner Schule.
Hä was gut gesichert ist kein Argument wenn der Gurt versagt, ein Aufzug fällt auch runter wenn das Seil versagt 🙄
^das war mies cool Freddy^ ist lowkey neidisch auf Luis
Das war brandgefährlich und hätte tödlich enden können. Egal, wie gut sie sich gesichert gefühlt haben. Kinder gehören nicht auf ein Windrad.
Guck mal Doro, selbst wenn das JC offen hätte wäre ich ja erst ab 12 da also hab ich Freizeit grade. Und was ich in meiner Freizeit mache geht dich mal gar nichts an, weißt du was ich meine?!
Du mischst dich immer voll in meine Freizeit ein, als wir die Schneeballschlacht gemacht haben warst du auch immer so “Nünününü AuFsIcHtSPfLiChT dU BiSt eIn ErZiEhEr dU muSsT dIcH bEnEhMen” aber das stimmt einfach nicht?! Da hatte ich nämlich Urlaub!!! In meiner Freizeit darf ich mit meinen … Freunden … sideeye zu Luis … machen was ich will ok?!
Freddy. Ich sage dir jetzt etwas, und ich will, dass du mir zuhörst: ohne Witze, ohne Augenrollen. Du hast ein KIND auf ein WINDRAD mitgenommen. Das hätte tödlich enden können. Ein Fehltritt. Ein Clip, der nicht richtig sitzt. Ein Windstoß. Ein Moment Panik. 150 Meter: da kommt niemand lebend unten an. Niemand. Und auch du nicht. Dann wären zwei Familien zerstört gewesen. Und hör jetzt endlich auf mit: “Wir waren gesichert. Ich hab einen Schein.” Dein Schein bedeutet NUR: Du darfst DICH SELBST sichern. Du darfst dort ARBEITEN, unter Aufsicht, mit Genehmigung, mit Absprache. Aber, und das ist gesetzlich glasklar: Du darfst KEIN Kind mitnehmen. Unter KEINEN Umständen. Egal, ob du Freizeit hast. Egal, ob du dich sicher fühlst. Egal, ob die Eltern vielleicht Bescheid wussten. Das ist verboten. Punkt. Jetzt zu den Konsequenzen und die sind real: Du bist angehender Erzieher. Du hattest ein minderjähriges Kind in deiner Verantwortung, ob du Freizeit hattest oder nicht, spielt rechtlich keine Rolle. Das kann heißen: deine Ausbildung wird abgebrochen, du wirst für pädagogische Arbeit vorerst ungeeignet erklärt und im schlimmsten Fall bekommst du eine Anzeige wegen Gefährdung Minderjähriger. Und ja, das wird geprüft. Ich lasse das nicht durchgehen. Was mich so unfassbar wütend macht, ist: Du siehst ein cooles Erlebnis. Ich sehe Lebensgefahr. Trauma. Beerdigungen. Und dann sagst du: “Meine Freizeit, mein Ding.” Nein. Wer mit Kindern arbeitet, trägt Verantwortung: IMMER. Weil Kinder dir vertrauen. Eltern dir vertrauen. Und das hast du heute missbraucht. Ich bin stinksauer. Und enttäuscht, nicht, weil ich dich kontrollieren will, sondern weil ich dich für klüger gehalten habe. Und damit das klar ist: Ich lasse das nicht so stehen. Ich werde mit Benni sprechen, mit der Schule und wir ziehen Konsequenzen. Nicht, um dich fertig zu machen. Sondern damit so etwas NIE wieder passiert.
Weißt du Doro… Ich hab low key nicht zugehört weils die selbe Leier wie immer ist und ich die schon auswendig kann.
Mach, was du für richtig hältst. Aber dann musst du mit der Verantwortung leben, dass du mein Leben ruiniert hast. DAS wird dann deine Verantwortung. Genauso wie es deine Verantwortung ist, dass der JC zu ist, weil du - statt mal cool und lässig zu sein - immer ausrastest wie eine Fusie oder wie das heißt. Meine Fresse, die beiden haben sich gepierct, keinen Mord geplant, und Luis und ich da oben ebenso wenig.
Wenn du meinst es wäre richtig die Polizei einzuschalten - mach halt. Wenn du die Schule anrufen willst - lass dich nicht aufhalten.
Aber eine Sache möchte ich dir vorher sagen: in der Jugendarbeit bist du falsch. Guido war cool. Der hat mit den Leuten geredet, nicht über sie. Du bist immer sofort “bLa bLa iCh rUfE ElTeRn/PoLiZeI/FeUeRwEhR/ScHuLe an”. Ich kanns nicht mehr hören. Ruf halt an. Hör den Jugendlich nicht zu. Weißt du überhaupt, WARUM Karla und Charly sich gepierct haben? Weil die Probleme zu Hause haben, jeder auf ihre Art und nach einer Möglichkeit suchen, sich auszudrücken und zu fühlen wie sie sind!!!
Weißt du warum Luis und ich da oben waren?! WEIL ICH VERDAMMT NOCH MAL GERNE AUF WINDRÄDERN BIN!!! Und Luis verarbeitet grade, dass er großer Bruder geworden ist, obwohl er selber grade erst lernt, was es heist, ein Sohn zu sein!!
Freddy überlegt, ob es reicht. Nein.
UND AUßERDEM IST MEIN PAPA ALS VERDAMMTES NERVENBÜNDEL AUS SPANIEN WIEDERGEKOMMEN WEIL ER MEINT GENAU JETZT WÄRE DER RICHTIGR ZEITPUNKT DAFÜR, MIT DEM RAUCHEN AUFZUHÖREN STATT MICH MAL HIER MIT TY UND NENNA ZU UNTERSTÜTZEN, SCHEIßE MAN. ICH BIN 18, UND SOLLTE KEIN PAPA SEIN SONDERN EINFACH MAL SPAß HABEN.
Freddy. Nein. Ich ruiniere dein Leben damit nicht, du bist dabei, es dir selbst zu ruinieren. Mit Entscheidungen, die gefährlich, unüberlegt und verantwortungslos sind. Und ich verhalte mich nicht so, weil ich Spaß daran habe, die Strenge zu spielen. Ich verhalte mich so, weil ich muss. Ich bin Sozialpädagogin. Ich habe gesetzliche Pflichten. Wenn Minderjährige sich selbst verletzen und sich in Gefahr bringen, dann informiere ich die Erziehungsberechtigten. Dann dokumentiere ich. Dann hole ich Hilfe. Das ist keine Option. Das ist kein “Die böse Dorothea wieder”. Das ist meine Arbeit und es schützt mich, die Jugendlichen und am Ende auch dich. Natürlich steckt hinter Charly und Karla mehr. Natürlich reden wir darüber. Natürlich schauen wir hin. Aber zuerst sichere ich sie ab. Erst Rechtliches. Erst Sicherheit. Dann Gefühle. In dieser Reihenfolge. Und der Jugendclub wurde nicht geschlossen, weil ich “uncool” bin oder meinen Job falsch mache. Er wurde geschlossen, weil Menschen sich weigern, Verantwortung zu übernehmen und es leichter finden, Schuld zu verteilen. Glaub mir: Diese Vorwürfe tun weh. Sie treffen. Sie nagen. Aber sie ändern nichts daran, dass ich meinen Job machen muss. Und wenn du wirklich Erzieher werden willst, Freddy, dann musst du das lernen: Manchmal bist du nicht der spaßige Kumpel. Manchmal bist du der Erwachsene. Das bedeutet: nicht jeden Spaß mitzumachen, Grenzen zu setzen, Eltern zu informieren, Behörden einzuschalten, wenn nötig und Sicherheit vor Sympathie zu stellen. Uncool sein gehört zum Beruf. Und in gefährlichen Situationen wird nicht diskutiert, da wird gehandelt. Du bist wütend. Du bist überfordert. Ich sehe das. Ich höre das. Aber Selbstmitleid bringt dich keinen Schritt weiter. Ich beende dieses Gespräch jetzt. Ich werde alles Weitere mit Benni besprechen. Und Freddy: Ob du in diesem Beruf bleibst, entscheide am Ende nicht ich, sondern du indem du zeigst, ob du Verantwortung tragen kannst.