Lieber Bürgermeister,
Heute, am allerersten Tag nach der Schließung des Jugendclubs, ist ein Teenager mit einem Kind auf ein Windrad geklettert. Nicht auf einen Baum. Nicht auf ein Garagendach. Auf ein Windrad. Rund 150 Meter hoch. Glatte Metallleiter. Wind. Eis. Kein Geländer, kein Sicherungsgurt, keine Fachkräfte. Ein falscher Schritt. Ein nasser Stiefel. Ein Moment Panik. Und dann bedeutet das: den sofortigen Tod.
Ich will, dass dir klar wird, was hier beinahe passiert ist: Ein Kind hätte vor unseren Augen abstürzen können. Ein Jugendlicher hätte damit leben müssen, ein Leben verloren zu haben. Familien wären zerbrochen. Eine ganze Dorfgemeinschaft traumatisiert. Und wofür? Weil du ihnen gerade den einzigen Ort genommen hast, an dem Erwachsene hinschauen, begleiten, Grenzen erklären und auffangen. Jugendliche suchen Risiko. Das ist normal. Aber ohne sichere Orte kippt dieses Risiko in Lebensgefahr.
Du hast den Jugendclub geschlossen: abrupt, öffentlich und beschämend. Ohne Gespräch. Ohne Plan. Ohne Auffangangebot. Und sofort passiert etwas, das hätte tödlich enden können.
Ich kritisiere nicht, um dir das Leben schwer zu machen. Ich schreibe, weil ich heute ernsthaft Angst hatte, ein Kind zu verlieren. Und diese Angst werde ich nicht kleinreden. Bitte übernimm Verantwortung. Nicht morgen. Nicht nach Prüfung der Sachlage. Jetzt.
Dorothea Sonnentau


Freddy. Nein. Ich ruiniere dein Leben damit nicht, du bist dabei, es dir selbst zu ruinieren. Mit Entscheidungen, die gefährlich, unüberlegt und verantwortungslos sind. Und ich verhalte mich nicht so, weil ich Spaß daran habe, die Strenge zu spielen. Ich verhalte mich so, weil ich muss. Ich bin Sozialpädagogin. Ich habe gesetzliche Pflichten. Wenn Minderjährige sich selbst verletzen und sich in Gefahr bringen, dann informiere ich die Erziehungsberechtigten. Dann dokumentiere ich. Dann hole ich Hilfe. Das ist keine Option. Das ist kein “Die böse Dorothea wieder”. Das ist meine Arbeit und es schützt mich, die Jugendlichen und am Ende auch dich. Natürlich steckt hinter Charly und Karla mehr. Natürlich reden wir darüber. Natürlich schauen wir hin. Aber zuerst sichere ich sie ab. Erst Rechtliches. Erst Sicherheit. Dann Gefühle. In dieser Reihenfolge. Und der Jugendclub wurde nicht geschlossen, weil ich “uncool” bin oder meinen Job falsch mache. Er wurde geschlossen, weil Menschen sich weigern, Verantwortung zu übernehmen und es leichter finden, Schuld zu verteilen. Glaub mir: Diese Vorwürfe tun weh. Sie treffen. Sie nagen. Aber sie ändern nichts daran, dass ich meinen Job machen muss. Und wenn du wirklich Erzieher werden willst, Freddy, dann musst du das lernen: Manchmal bist du nicht der spaßige Kumpel. Manchmal bist du der Erwachsene. Das bedeutet: nicht jeden Spaß mitzumachen, Grenzen zu setzen, Eltern zu informieren, Behörden einzuschalten, wenn nötig und Sicherheit vor Sympathie zu stellen. Uncool sein gehört zum Beruf. Und in gefährlichen Situationen wird nicht diskutiert, da wird gehandelt. Du bist wütend. Du bist überfordert. Ich sehe das. Ich höre das. Aber Selbstmitleid bringt dich keinen Schritt weiter. Ich beende dieses Gespräch jetzt. Ich werde alles Weitere mit Benni besprechen. Und Freddy: Ob du in diesem Beruf bleibst, entscheide am Ende nicht ich, sondern du indem du zeigst, ob du Verantwortung tragen kannst.