Ein Businessjet donnert tief über die Stadt, fliegt eine Kurve über den Hochhäusern der Sonnenhöhe und geht danach in einen steilen Steigflug über. Die Szene an Bord, oder zumindest was man davon sehen soll, landet wenig später auf der Instagram-Page von Papis Firma. Im Reel zu sehen ist der mittlerweile berühmte kleine Junge mit den blauen Haaren, der aus dem Fenster schaut. Im Hintergrund protestieren die Sicherheitssysteme des Flugzeugs mit einem mechanischen “Bank Angle! Bank Angle!” gegen die Steilkurve. Eine Frauenstimme ist zu hören, “siehst du unser Haus, Luisschatzi?”, gefolgt von einem Nicken. Man hört die Triebwerke der Falcon aufheulen, aus dem Fenster ist zu sehen wie der Jet wieder in die Horizontale kippt und dann steil nach oben zieht, Luis strahlt in die Kamera. Perfekt, Szene im Kasten, glückliches Jetsetkind das im Internet beneidet wird.
Was niemand sieht: Luis ist ein knallhart kalkulierter Kostenpunkt. “Papa” ist ein grosser Spieler in der Erdölbranche, “Mama” Topmanagerin in seiner Firma. Und Adoptivkind Luis… Luis ist da, weil die Kosten/Nutzen-Analyse ergeben hat, dass er sich lohnt. Weil er süss in die Kamera lächeln kann und das das Image der Firma verbessert. Ein reines Prestigeprojekt. Und auch wenn die Beiden ihn doch irgendwann lieb gewonnen haben (ist ja auch nicht schwierig, wenn man nur die coolen Teile vom Eltern sein machen muss): Luis’ wichtigste Bezugsperson, die ihn knuddelt wenn er traurig ist und seine Hand hält wenn er Angst hat, hat genau das in ihrer Job Description. Und hat 3 Monate Kündigungsfrist.
Es ist cool jeden Morgen einen Supersportwagen auszusuchen, mit dem er zur Schule gebracht wird. Es ist cool, übers Wochenende im Luxusjet nach St. Tropez zu ballern, Instagramstar zu sein und im höchsten Gebäude der Stadt zu wohnen. Aber manchmal, wenn er 12 Kilometer über Europa in den Armen seines neuen Kindermädchens einschläft und sie im Kopf schon unter “bleibt eh nicht bis zum Ende der Probezeit, aber ich kanns übelst ausnutzen dass sie mich wie ein Kleinkind behandelt” kategorisiert, ist er schon bisschen neidisch auf die anderen Kinder von der Schule. Die jahrelang mit dem gleichen Geringverdiener-SUV von der gleichen Mama gebracht werden.
https://www.youtube.com/watch?v=7J__ZdvsZaE
Am Abend,als Luis von seinem neuen Kindermädchen(welches schon mitte vierzig ist) ins Bett gebracht wird,singt sie ihm Katyuscha als gute Nacht vor. Für den kleinen Jungen mag es einfach ein fremdartiges Lied sein,das ein wenig melancholisch klingt,wenn Katerina es ihm vorsingt,aber für sie ist es ein Stück heimat. Ihre Mutter hatte es ihr immer vorgesungen,hatte sie sogar danach benannt,einfach weil sie den meinte,dass der Name so schön russisch klingt. Sie dreht kurz ihr Gesicht weg und unterdrückt die Tränen,als sie an ihre alte Heimat denken muss. Sie war noch ein kleines Mädchen als sie ausgewandert ist,in der Hoffnung auf ein besseres Leben verließ ihre Familie damals die gefallene Sovietunion,nur damit ihre Tochter eines Tages in dieser Drecksstadt enden würde. Sie muss an ihre eigenen Kinder und an ihren Mann denken,die sehensüchtig zuhause auf sie warten. Katarina fühlt sich wie ihr Gegenstück aus dem Lied,nur dass sie diesmal der Soldat ist,der liebe Briefe an seine Geliebte nach Hause schickt.
So,und du schlafen jetzt. Wenn ich dich mit Konsole errwichen,es geben Ärrgerr,verrstanden?! Katarina mag manchmal etwas streng sein,aber sie sieht das anders. Der Junge braucht einfach ein wenig echte Erziehung,die nicht von seinen kaltherzigen Geschäftsmann-Eltern kommt. Die haben keine Ahnung,wie man mit Kindern umgeht. Und irgendwas muss Katerina ja richtig machen,sonst wäre sie jetzt noch nicht so lange dabei(Länger als die Probezeit). Sie versucht ihn einfach so zu erziehen,wie ihre eigenen Kinder. Dadurch macht sie sich da trostlose Arbeit etwas schöner,die sie ja ohnehin nur angenommen hat,damit sie ihre Familie unterhalten kann. Sie steht von der Bettkante auf und will gerade den Raum verlassen,aber irgendwas lässt sie zögern. Der Junge braucht sie,braucht eine Mutter an seiner Seite. Und wenn es auch nur für ein halben Tag ist.
/un Ich wollte mich jetzt nicht deinem Post aufdrängen,aber ich fand die Gelegenheit einfach zu passend. Ich hoffe ich quetsch mich hier jetzt nicht ungefrsgt in deine Story rein,falls ja,dann nehm ich diesen Kommentar wieder runter.
Papa sagt… Darfst… Garnich… Ärger… 😴
/un ist doch gut ^^ Hausen lebt davon dass man nicht immer die ganze Story selber im Griff hat!
Sie lächelt einmal. Leider hat der Junge recht. Sie kann wirklich nur wenig tun,um ihn in die Schranken zu weisen. Bei ihren Kindern würde sie so etwas niemals zulassen,aber hier muss sie es. Kurz gehen ihre Gedanken nach Hause zu ihren Kindern,die nur ein paar wenige Jahre älter sind als der Junge und ihr kommen wieder fast die Tränen. Was ist das für ein blöder Beruf,bei dem man seine eigenen Kinder kaum noch sieht und dann noch nach einem anderen Kind schauen muss.
Tu es einfach für dich,ja. Sonst du kannst nicht gut schlafen sie steht auf und verlässt das Zimmer in der Hoffnung,dass der Junge einfach ihren Rat befolgt
Gute Nacht,Luis
Okee 🙂↕️ Gute Nahaacht 👋🏻
Verlässt sein Schlafzimmer und hofft,dass sie selbst ein wenig schlaf bekommt. Nicht aber ohne ihren eigenen Kindern am Telefon gute Nacht zu wünschen.


