Ein Businessjet donnert tief über die Stadt, fliegt eine Kurve über den Hochhäusern der Sonnenhöhe und geht danach in einen steilen Steigflug über. Die Szene an Bord, oder zumindest was man davon sehen soll, landet wenig später auf der Instagram-Page von Papis Firma. Im Reel zu sehen ist der mittlerweile berühmte kleine Junge mit den blauen Haaren, der aus dem Fenster schaut. Im Hintergrund protestieren die Sicherheitssysteme des Flugzeugs mit einem mechanischen “Bank Angle! Bank Angle!” gegen die Steilkurve. Eine Frauenstimme ist zu hören, “siehst du unser Haus, Luisschatzi?”, gefolgt von einem Nicken. Man hört die Triebwerke der Falcon aufheulen, aus dem Fenster ist zu sehen wie der Jet wieder in die Horizontale kippt und dann steil nach oben zieht, Luis strahlt in die Kamera. Perfekt, Szene im Kasten, glückliches Jetsetkind das im Internet beneidet wird.

Was niemand sieht: Luis ist ein knallhart kalkulierter Kostenpunkt. “Papa” ist ein grosser Spieler in der Erdölbranche, “Mama” Topmanagerin in seiner Firma. Und Adoptivkind Luis… Luis ist da, weil die Kosten/Nutzen-Analyse ergeben hat, dass er sich lohnt. Weil er süss in die Kamera lächeln kann und das das Image der Firma verbessert. Ein reines Prestigeprojekt. Und auch wenn die Beiden ihn doch irgendwann lieb gewonnen haben (ist ja auch nicht schwierig, wenn man nur die coolen Teile vom Eltern sein machen muss): Luis’ wichtigste Bezugsperson, die ihn knuddelt wenn er traurig ist und seine Hand hält wenn er Angst hat, hat genau das in ihrer Job Description. Und hat 3 Monate Kündigungsfrist.

Es ist cool jeden Morgen einen Supersportwagen auszusuchen, mit dem er zur Schule gebracht wird. Es ist cool, übers Wochenende im Luxusjet nach St. Tropez zu ballern, Instagramstar zu sein und im höchsten Gebäude der Stadt zu wohnen. Aber manchmal, wenn er 12 Kilometer über Europa in den Armen seines neuen Kindermädchens einschläft und sie im Kopf schon unter “bleibt eh nicht bis zum Ende der Probezeit, aber ich kanns übelst ausnutzen dass sie mich wie ein Kleinkind behandelt” kategorisiert, ist er schon bisschen neidisch auf die anderen Kinder von der Schule. Die jahrelang mit dem gleichen Geringverdiener-SUV von der gleichen Mama gebracht werden.

  • Katarina Juppke(42),Putzfrau
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    15 days ago

    Sie lächelt einmal. Leider hat der Junge recht. Sie kann wirklich nur wenig tun,um ihn in die Schranken zu weisen. Bei ihren Kindern würde sie so etwas niemals zulassen,aber hier muss sie es. Kurz gehen ihre Gedanken nach Hause zu ihren Kindern,die nur ein paar wenige Jahre älter sind als der Junge und ihr kommen wieder fast die Tränen. Was ist das für ein blöder Beruf,bei dem man seine eigenen Kinder kaum noch sieht und dann noch nach einem anderen Kind schauen muss.

    Tu es einfach für dich,ja. Sonst du kannst nicht gut schlafen sie steht auf und verlässt das Zimmer in der Hoffnung,dass der Junge einfach ihren Rat befolgt

    Gute Nacht,Luis