Freddy ruft lange durchs Haus, ob mal jemand aufmachen kann. Niemand antwortet: Stacy nicht, Jerome nicht, Lisa nicht, Vanja nicht, Niko nicht, Anni nicht, Werner nicht.
Freddy beschließt, dass es sicher nicht wichtig sein kann. Die wichtigen Leute haben eh einen Schlüssel. Dann fällt Freddy ein, dass Anni gar nicht in der WG wohnt.
Es klingelt noch mal.
Freddy steht auf, zieht sich Hose und T-Shirt an und öffnet die Tür.
Oh.
Hallo Freddy.
Dorothea strahlt.
Zu dir wollte ich.
Oh.
Freddy schaut sich um, ob irgendwo Gras zu sehen ist (ja).
Warum?!
Und warum hast du keinen Schlüssel?!
Dorothea hat das Gras bereits aus dem Augenwinkel gesehen, als Freddy die Tür geöffnet hatte und der Blick auf die Kommode im Flur frei wurde. Doch sie nimmt sich bewusst vor, es dabei zu belassen. Solange keine Minderjährigen gefährdet werden, ist es nicht ihre Aufgabe, Freddys Privatleben zu kontrollieren.
Kann ich reinkommen?
Ja… von mir aus…
Freddy antwortet zögerlich, aber eigentlich ist es ihm lieber, Doro schnell drin zu haben, als dass die Leute sie vor der Tür sehen uns es Gerede gibt.
Dorothea weiß inzwischen zwar, wo die Küche der WG ist, entscheidet sich aber trotzdem zu fragen. Freddy soll sich bei dem Gespräch wohlfühlen.
Wo wollen wir uns hinsetzen?
Gehen wir auf die Couch?!
In Ordnung.
Dorothea folgt Freddy ins Wohnzimmer und sinkt beim Hinsetzen in die weiche Couch.
Ihr habt es wirklich… gemütlich hier.
Hallooooooooooo ich habe hier 8 Babies? Haben oder verdoppeln und an die nächste Person?
Verdoppeln!!
Freddy knallt die Tür zu.
Dorothea sieht Freddy irritiert an.
Was denn?! Die Heilamme versucht grade, ihre Quote hochzutreiben, damit ihre Provision fürs zweite Quartal größer wird!! Nicht mit mir!!
Das sollte wirklich angezeigt werden. Das ist illegal.
Dorothea sieht besorgt aus.
Das bringt nix!! Die haben auch Petra gekillt, da ist nix passiert!!
Wie bitte?
Dorothea ist schockiert.
Ja, Freddy…
Dorothea überlegt einen Moment, sichtbar darum bemüht, die richtigen Worte zu finden.
Ich glaube nur, dass dir der Umgang mit kleineren Kindern vielleicht nicht ganz so leichtfällt. Und das ist überhaupt nichts Schlimmes. Ich habe eher den Eindruck, dass deine Stärke woanders liegt. Du verstehst dich mit Menschen in deinem Alter oder etwas jünger oder auch älter oft wirklich gut… und ich glaube, viele vertrauen sich dir gerne an, wenn sie Probleme haben.
Hm… meinst du?!
Freddys Kopf rast immer noch. Er hat keine Ahnung, was Doro von ihm möchte, also schießt er ins Blaue.
Boha geht es um Michi?! Never!! Der muss alleine zusehen, ich werde NICHT mit Michi abhängen!!
Dorothea wirkt leicht überrumpelt, sammelt sich dann aber schnell wieder.
Nein, Freddy. Es geht nicht um Michi. Aber es geht um junge Menschen, die vielleicht ähnliche Geschichten haben könnten wie er… Und ich möchte, dass du das ernst nimmst.
Du kennst doch den leerstehenden Gebäudekomplex neben dem Jugendclub, oder?
Oh…
Klar kenne ich den!!
Und genau darum geht es. Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, wie viele junge Menschen es gibt, die zu Hause keine sichere oder stabile Umgebung haben. Jugendliche, die zeitweise aus ihren Familien raus müssen, bis sich die Situation dort verbessert hat… oder bis sie an einem anderen Ort ankommen können. Aber es gibt zu wenige Einrichtungen. Und vor allem zu wenige Plätze.
Deshalb möchte ich aus dem leerstehenden Gebäudekomplex eine pädagogische Jugendwohngruppe machen. Natürlich hätte ich dabei Unterstützung von Benni. Aber er soll weiterhin hauptsächlich für den Jugendclub und seine eigenen Kinder da sein. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass du in der Jugendpädagogik deutlich mehr aufgehen könntest als im Kindergarten. Ich glaube, dir fällt der Zugang zu Jugendlichen leichter. Du wirst ernst genommen. Und ich glaube, dass junge Menschen dir Dinge anvertrauen würden, die sie anderen Erwachsenen vielleicht nicht erzählen. Manchmal hilft es Jugendlichen sehr, jemanden vor sich zu haben, bei dem sie das Gefühl haben, verstanden zu werden.
Hä…
Ja. Da bin ich dabei!!
Freddy wird Doro niemals erzählen, dass er eigentlich die ganze Zeit in die Jugendpädagogik wollte. Aber die nächste betreute Wohneinrichtung einfach in Wolfsau ist und das ist arschweit weg. Und eine Ausbildung im Jugendclub in Dübelfingen?! Never…
Das Bewerbungsgespräch in Wolfsau war super, die Einrichtung auch, aber jeden Tag anderthalb Stunden hin und zurück…?
Aber … warte mal. Was ist mit der Ausbildung?! Und wärst du dann meine Chefin?!
Deine Ausbildung würde ganz normal weiterlaufen. Du würdest lediglich den Ausbildungsplatz wechseln. Das passiert tatsächlich häufiger, als man denkt.
Und ja, Freddy…dann wäre ich offiziell deine Chefin. Aber ich würde mir wünschen, dass wir uns eher als gleichberechtigtes Team sehen. Du würdest dort deutlich mehr Verantwortung bekommen, als du sie wahrscheinlich gerade im Kindergarten hast. Die Arbeit läuft im Schichtsystem. In deinem ersten Ausbildungsjahr dürfte ich dich noch nicht für Nacht- oder 24-Stunden-Dienste einteilen… Aber du hättest zum Beispiel Früh- und Spätschichten und natürlich auch Wochenenddienste. Dafür hättest du unter der Woche aber auch freie Tage.
Freddy überlegt. Die Schichten stören ihn nicht sonderlich, sein Schlafrythmus ist eh seltsam und Zeit mit Stacy wird er trotzdem noch genug finden.
Die Aufgabe reizt ihn… aber Dilara und Elara werden ihm safe fehlen…
Hm…
Doch ein letzter Funke des Widerstands bleibt. Hauptsächlich wegen Doro. Freddy wird keine Jugendlichen “Sonne” nennen, er wird nicht mit ihnen im Garten meditieren und auch keine Traumfänger basteln…
Doro… ich sag mal, ich bin interessiert. Aber ich möchte ein mal mit Stacy darüber sprechen und eine Nacht darüber schlafen. Ich sage dir morgen “ja” oder “nein”.
Wann soll das eigentlich los gehen?!


