Ursula, von allen nur Ursel genannt, stand vor ihrer neuen Apotheke, als würde sie prüfen, ob das Gebäude auch wirklich vorhatte, stehen zu bleiben. Das Schild über der Tür „Ursels Apotheke“ hing leicht schief, was sie beruhigend fand. Perfektion war ihr ohnehin suspekt geworden. Mit 52 Jahren hatte sie gelernt, dass ein Leben selten ordentlich sortiert ist. Eher wie ein überkochender Topf, den man kurz aus den Augen gelassen hat. Berlin war so ein Topf gewesen. Dort hatte sie alles gehabt: eine gut laufende Apotheke, eine Altbauwohnung mit knarrendem Dielenboden und Nachbarn, die entweder zu laut oder zu neugierig waren. Und dann war da dieses neue Hobby gewesen. Nichts Großes, hatte sie sich gesagt. Ein bisschen experimentieren. Ein bisschen Chemie jenseits der üblichen Hustensäfte und Blutdrucksenker. Kleine, selbstgemachte „Glücklichmacher“, wie sie es nannte halb im Scherz, halb Trotzreaktion auf eine Welt, die ihr zunehmend auf die Nerven ging. Dass dabei irgendwann ihre Küche in Flammen aufging, war… nun ja. Ungünstig. Das Feuer hatte sich schneller ausgebreitet als jede Ausrede, die sie parat gehabt hätte. Und während die Feuerwehr noch löschte, hatte ihr Vermieter bereits innerlich die Kündigung formuliert. Kurz darauf war sie draußen gewesen. Ohne Wohnung, mit angeknackstem Ruf und der leisen Erkenntnis, dass Berlin zwar vieles verzeiht, aber nicht alles vergisst.
Hausen dagegen vergaß vermutlich schon beim Zuhören. Ein Dorf mit zweitausend Seelen, einer Bäckerei, die wahrscheinlich gleichzeitig Postfiliale war, und einer Apotheke, die seit Jahren niemand so richtig modernisiert hatte. Genau das hatte sie angelockt. Oder besser gesagt: aufgenommen, wie ein alter Mantel, der ein bisschen muffig riecht, aber überraschend gut passt. Über der Apotheke lag ihre neue Wohnung. Zwei Zimmer, niedrige Decken, ein Fenster mit Blick auf eine Linde, die vermutlich älter war als alle Dorfbewohner zusammen. Kein Vergleich zu Berlin. Keine Sirenen, keine flackernden Neonlichter. Stattdessen Stille – für Berliner Verhältnisse. So viel Stille, dass sie anfangs glaubte, ihr Gehör hätte sich verabschiedet. Ursel schob den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn langsam um. Ein leises Klicken, fast höflich. Als würde die Tür sagen: „Na jut, komm rin. Aber benimm da.“ „Keene Experimente inna Küche“, murmelte sie und verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. Sie wusste selbst, dass sie sich nicht daran halten würde. Denn irgendwo zwischen Reagenzglas und Rebellion, zwischen Apothekerkittel und angekokelter Vergangenheit, lag etwas, das sie nicht so einfach abstellen konnte. Ein Drang, Dinge auszuprobieren. Grenzen zu verschieben. Und vielleicht auch ein kleines bisschen Chaos zu verursachen. Hausen hatte keine Ahnung, wen es sich da ins Dorf geholt hatte. Und Ursel… Ursel war sich noch nicht ganz sicher, ob das ein Problem werden würde. Oder eine Gelegenheit.
Kommt üblich lässig an und bemerkt das in der Apotheke tatsächlich was los is Moin. Habt ihr was gegen Kopfweh oder so?
“Na klar hab ick wat jejen Koppweh, Jungchen. Wat dit Herz bejehrt: Paracetamol, Aspirin, Ibu, Thomapyrin, Dolormin… Und wenn dit zu fülle uff een mal is, kannst ma ja mal deene Koppschmerzen beschreiben. Dann kann ick dir beim Entscheiden helfen.”
Na einfach nur Kopfschmerzen, mal links, mal rechts, mal oben, mal unten, mal überall I guess
Ursel überlegt: ‘Nochmal Ibus verkaufen ist ja langweilig.’ “Da hätt’ ick hier ne Packung Paracetamol. Bitte Packungsbeilaje beachten, wa?” Sie dreht sich um, fischt die Packung aus dem Regal und legt sie dem Jungen vor. Dann hört sie, wie einer hinten aus der Reihe was von Biergrippe sagt. Da muss sie plötzlich grinsen. “Ah Biergrippe, sag das doch gleich.”
Sie zieht die Paracetamolpackung wieder ein und fischt aus dem Regal eine Packung Elektrolyt-Glucose-Lösung raus. “Das hier in Wasser auflösen, trinken und dann ab ins Bett, schlafen legen. Das hilft am besten gegen Katerstimmung.”
Hä? Ich hab net gesoffen…na egal passt schon!
“Haste nich? Na jut, ick kann dir och die Paracetamol jeben. Nur, wenn de doch die Biergrippe hast, wie jesacht, dann wär wat andret besser. Aba, junga Mann, ick glob dir, watte sachst.” Sie schaut ihn erneut fragend an.
Hast du wieder die Biergrippe?
Ja Tach auch, ne…ich bräuchte da was, ne
Dann kam auch schon der nächste Kunde. Ursel lauscht und nickt: “Klar, dit denk ick mir. Wat willste denn?”
Ja wenn ich hier drücke, ne, tut es weh. Und wenn ich hier drücke auch, ne .
Ja und wenn das Wetter umschlägt …furchtbar, ne. Ich sag es ihnen, ne
Ursel legt das Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und kommt sich vor wie ein Wackeldackel, weil sie scheinbar bei jeder Kundschaft verstehend nickt. “Also ick hab wat jejen Schmerzen jenerell. Dit könn se koofen, wenn se wollen. Aba wenn dit Wetta och ne Rolle spielt, würd ick an ihra Stelle mal zum Arzt jehn. Ick bin keener. Ick hab nur die Mittel jejen Symptome. Aba wenn Ihn’ dit reicht…”
Hallo?!
“Aba Hallo, nich so schüchtern. Imma herinn spaziert!”, flötet Ursel fröhlich. Das Ganze läuft ja wie am Schnürchen. Hätte sie sich selbst gar nicht so ausgemalt.
Freddy erschrickt, als er angesprochen wird.
Er schaut schüchtern.
Ähm…
Also…
Weißt du?!
Ich suche die ^Pille danach.^
Freddy schaut zu den Regalen.
Ursel stemmt die Hände in die Hüften und legt den Kopf schief. “Wat?”, Kommt es ihr als der Rübe gerumpelt, “Ick wüsste ehrlich jesacht nicht, wie die dir helfen könnte.” Dann nickt sie links neben den Eingang. “Da drüben sind die Uffsteller mit den Kondomen”, sagt sie im Flüsterton, “Vorsicht is besser als Nachsicht, weeßte?”, zwinkert sie dem ihrer Meinung nach jungen Mann zu.
Freddy schaut auf die Kondome.
Ähm…
Ja…
Das kenne ich schon.
Aber, äh, naja, …Freddy wird rot … das ist kaputt gegangen. Und… wir wollen auf keinen Fall schwanger sein!!
Freddy verdreht die Augen.
Man, ich hätte nach Reinlingen fahren sollen!!
“Ach so is dit.” mimt mit den beiden Zeige- und Mittelfingern Gänsefüßchen “Wir” Das Wort betont sie besonders. “Ick hab natürlich och wat für danach.” Wendet sich dem Regal zu und schiebt die Packung rüber. “Dit macht 25€. Bar oder mit Karte?”
Freddy hält sein Handy an den Kartenleser.
Danke! ^Aber erzähls nicht Papa. Oder Kalle. Oder Doro?! Und Jerome auch nicht!^
Kommt rein und haut Frede die Hand auf die Schulter
Hömma hasse Kopppien? Watt machs du denn hier?
Zieht den imaginären Reißverschluss vom linken Mundwinkel zum rechten.
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Ich brauch Ibus.
Stacy stellt sich ohne Begrüßung an die Theke.
Mustert das junge Ding und weiß auch nicht, warum ihr plötzlich der Song “Morgens Ibus, abends Teile” durch den Kopf schallert. Ursel nickt kurz, lächelt, dreht sich um und sucht zwei Packungen aus dem Regal: “Da hätten wa eenmal die kleene Packung 20 Stück für sechs fuffzig und eenmal die große Packung Fuffzig Stück für Ölf fuffzig. Welche darf’s denn sein?”
Stacy reagiert nicht. Die AirPods Max sitzen auf ihren Ohren, während “UGG BOOTS” durch ihren Kopf pulsiert. In ihren UGG Boots und der Lederjacke fühlt sie den Vibe viel zu sehr, als dass gerade irgendwas anderes durchkommen würde. Doch dann fängt sie sich wieder.
Hä?! Was hast du gesagt??
*Ursel mustert sie noch einmal: * “Ölf fuffzig, hab ick jesacht.” wiederholt sie lächelnd und schiebt der Kundin die größere Packung sowie eine kostenlose Packung Taschentücher zu. Kurz war sie versucht, darin eine halbe Keta-Kapsel zu verstecken. ‘Nee Ursel, dit kannste nich’ bringen’, dachte sie dann jedoch.
Was?! 11,50?!
Stacy schiebt einen Zwanziger über die Theke.
Nickt lächelnd, nimmt den Zwanziger und reicht ihr das Restgeld. “N’ Schön’ Tach noch!”
Geht in Richtung Tür, bleibt auf halbem Wege stehen und dreht sich wieder um.
Bist du eigentlich neu hier??
Schaut am nächsten Kunden vorbei zu Stacy, lächelt erneut und nickt: “Ja klar, ick bin die Ursel, aus Bärlin. Hab den Großstadtdschungel satt und nu bin ick hier. Und du? Schon lange hier?” ‘Wie anjenehm. Hier haste Zeit mit allen zu schnacken. In Bärlin wärste schon anjepöbelt worden, weil de nur dran jedacht hast, mehr als dit Nötigste zu quatschen.’
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Kommt in die Apotheke geschlendert
Tachschen,de Post. Legt einen Stapel Briefe auf den Tisch
Widda nen neuet Jesischt hier,dat freut misch. Hamse schon n paar Leute kennenjelernt?
Tut mir Leid,dass isch sie jetz hier so übafalln hab. Isch bin da Patrick. streckt die Hand zum Gruß aus
Nimmt die Hand, drück wohldosiert kräftig zu und schüttelt in Berliner Manier.
“Tach Patrick, ick bin Ursel. Ja, wahrscheinlich ein neuet Jesicht hier. Kann ma jedenfalls nich a’innern, vorher mal hier jewesen zu sein. Ick hab jehört, dat hier schon ne Weile die Apotheke leersteht. Da dacht’ ick mir, Ursel, dit is deene Schangse dem Großstadtdschungel zu entkomm’. Also, hier bin ick, hehe. Freut ma, se kenn’zulern.”
Sie schmult auf den Stapel Briefe: “Hamse mir wat schönet mitjebracht? Oda bloß olle Rechnung… dachte, die könnt ick mal noch ne Weile vom Hals halten…”
De Freude is janz meinerseits.
A jut,is doch Primma wennwa hier widda ne Apotheke ham,dann muss isch nisch imma bis rübba nach Rhinlingen fahrn.
Dann sind se auch außer Stadt jeflohn? Da wamwa wat Jemeinsam. Isch komm ja uß Aachen,wie man vielleischt hört,hab dann aba zu lange in Köln jewohnt und irjendwann hat isch da Jefühl,dat ma Decke auffen Kopp fällt. Isch liebe ming Heimat,aba so jeht et nisch weiter,he.
Jut,isch hab ma de Briefschen nit anjeschaut. Darf isch ja auch ja nisch,he wat meinse wat da los wär ,he. Da würden se mir de Ohren vür langziehn. Aba wer weiß,vielleischt is ja wat jutet dabei inner Post.
Jut,isch will nit länger stören,aba einmal muss isch noch,dann is aba auch jut. Haben se zufällisch Paracetamol?
“Na dat se aus Aachen komm’ und in Köln war’n hab ick jetzt nich’ jehört. Dachte, Sie vasuch’n zu Bärlinan und kriejen dit nich richtich hin”, Lacht kurz schelmisch auf. “Aba is ja och intressant, wie wa alle so kling mit unsern Kodderschnauzen. Paracetamol willste? Na da kannste een druff lassen, dat ick die da hab. Wollt die grad dem Burschen mit da Biergrippe vakoofen, aba bei Biergrippe hilft doch wat andret.” Schiebt ihm die Paracetamol rüber, tippt den Preis in die Kasse und hält bereitwillig die Hand fürs Geld hin.
Jut isch sach ma dat is so ne Sache mit de Dialekte,he. Dat klingt oft jleisch. Isch hab ma mit einem uß Thüringen jesoffen,der meinte auch isch kling wie nen Kolleje von ihm.
Kramt aus seiner Tasche nen zerknitterten Zwanni hervor und schiebt ihn übern Tisch.
So, hamwat. Isch danke ihn’n
Bei der Bierjripp hilft nur et Notfallpäkschen mitte Elektrolüte wat im Schrank liecht.
/un bei mir klingt Platt etwas anders,da es heutzutage nur sehr wenig gesprochen wird. Das “richtige” Öecher Platt klingt eher Niederländisch als Berliner.
“Na Hauptsache, wir vastehn uns alle noch irjendwie, wa?”, Lacht fröhich, nimmt den Zwanni und tauscht ihn gegen das Restgeld, dass sie Patrick rüberreicht. “Na denn, schönen Tach noch und wenijer Koppschmerzen, wa?”
Nimmt lächelnd sein Restgeld entgegen
Ach,ebenso
Die sünd leider nisch vür Koppweh,sondern wejen da Leber
Hallo Ursel, gut dass ich dich treffe. Kommst du nachher kurz in die Kellerkneipe?
“Tach och, na da ruff kannste een lassen. Lass mir doch dit Feierabendbierchen nich entjehn.”
Kalle betritt die Apotheke
Hömma tach! Endlich Ma wieder ne Apotheke an Start. Ich brauch Ma die IBU 800 bitte und ne Pantoprazol 40er
Ursel lächelt Kalle an, die eine Augenbraue, die noch vorhanden ist, beugt sich fröhlich über ihrem Auge. “Tach jesacht. Ja, ick freu ma och, dat ihr hier jetzt wieda ne Apotheke und ne Ursel habt. Die bin ick übrijens. Also für die Ibus ab 800 brauchste nen Rezept. haste eens?” Beugt sich dann verschwörerisch nach vorn zu ihm “Oda soll ick dir eens fäslchen. Kost aba n bisschen wat extra. Sonst hab ick och wat andret nettet jejen Kopp und sooo.”
Hömma…watt? Rezept? Mach Ma so feddich. Wenn ich zwo 400er nehme habbich den Magen voll.
IBU reicht mir. So schlimm isset getz au wieder nich









