Kalle bewegt sich in der neuen Welt, als hätte er nie etwas anderes gekannt. Für ihn ist das kein Ausnahmezustand, sondern Routine. Und Dorothea hat gelernt, sich daran zu orientieren. Nicht perfekt. Aber ausreichend. Heute ist sie nicht bei den Kindern. Mit Kalle im Rücken geht sie voran, langsam und wachsam. Er ist kaum zu erkennen, verschmilzt mit der Umgebung, wie ein Chamäleon.
Sie ist nicht mehr die, die sie einmal war - aber sie hält noch daran fest, wie sie sein will. Die Vorräte auf dem Recyclinghof sind fast aufgebraucht. Es geht nicht mehr nur um den nächsten Tag. Sie brauchen etwas, das trägt. Einen Tausch. Vielleicht ein Bündnis. Kalle glaubt, dass Anni ihnen geben kann, was sie brauchen. Anni hatte einmal ein gutes Herz. Und Dorothea entscheidet sich, nicht blind darauf zu vertrauen - aber auch nicht aufzuhören, daran zu glauben.
Mit jedem Schritt kommt sie Annis Haus Festung näher.


Nicht schaden, nichts wegnehmen?! Gestern erst war der letzte Diebstahl und heute Nacht ein heimtückischer Rattenangriff, der mich wichtige Vorräte gekostet hat! (/un Hausenzeit)
Ich war so naiv! Ich war so nett zu allen! Und als Dank?! Das ist vorbei! Die naive, nette Anni ist tot! Geh einfach wieder, Doro! Ich will dir nichts tun.
Dorothea bleibt stehen und lässt die Hände langsam sinken. Ich verstehe dich, Anni. Aber ich kann nicht gehen - nicht mit leeren Händen. Die Kinder haben Hunger. Ich will dir nichts nehmen. Ich will, dass wir einen Weg finden, bei dem wir beide nicht verlieren.
In Annis Kopf verknäueln sich alle Gedanken. Erinnerungen an die alte Welt tauchen auf. Die Welt, in der alles in Ordnung war. Die Welt, in der sie Menschen vertraut hat. Die Welt, in der sie nicht dauernd belogen und bestohlen und angegriffen wurde. Die Welt, die eine bessere war. Vielleicht aber auch eine weniger Ehrliche. Warum kommt ihr erst jetzt? Warum wart ihr nicht da, als ich hier überfallen und ausgeraubt wurde? Weil euer Camp genau diesen Dieben und Räubern Unterschlupf bietet, genau deshalb!
Nein… das kann ich mir nicht vorstellen. Dorothea sieht Anni aufrichtig an. Damit haben unsere Leute nichts zu tun. Wir sind keine Diebe, Anni.
DAS HABEN ALLE BEHAUPTET! Anni schreit, Wut und Zittern in der Stimme. Und doch hat sie Tränen in den Augen.
Dorothea zuckt kurz zusammen. Ich weiß, dass das alle sagen… Aber wenn ich dir hätte schaden wollen, würde ich nicht hier stehen und mit dir sprechen. Dann hätte ich es einfach getan.
Pfff. Anni lässt ein abfälliges Schnauben hören. Was willst du, Doro?
Ich brauche Vorräte, Anni. Für die Kinder. Und wir sind bereit, dafür etwas zu geben. Einen Handel einzugehen - was auch immer es braucht.
Annis Fassade bröckelt, langsam aber unmerklich. Sie denkt an den Mann, der einen Jungen mit blauen Haaren erwähnte. Welche… welche Kinder sind bei euch?