Sie ist noch da.

Princess riecht es, lange bevor sie sie sieht. Eine Fremde in ihrem Revier, eine Streunerin, wie sie. Nicht sorgenvoll, nicht panisch, eher suchend. Jemand, der bleibt, obwohl er noch nicht weiß, wo sie hingehört.

Princess hat sie Grauhauch genannt.

Weil sie wie ein kalter, grauer Wind durch ihr Revier fegt. Sie bewegt sich, als wüsste sie, wie man kämpft. Wie man jagt. Die Schultern sitzen hoch, der Blick ist wach, der Körper trägt alte Entscheidungen. Keine Katze, die immer geflohen ist, aber auch keine, die gelernt hat, stehen zu bleiben. Das erkennt Princess sofort.

Princess sitzt auf den Dächern, ihr Schweif wedelt nachdenklich.

Grauhauch riecht nach Menschen.

Nicht stark. Aber deutlich genug, dass es Princess stört. Der Geruch von warmen Händen, von offenen Türen, von Futter, das nicht erjagt wurde. Schutz, der nichts kostet. Schutz, der irgendwann weg ist. Princess schnaubt leise.

“Du lehnst dich an etwas, dass dich fallen lassen kann”, denkt sie.

Princess hat Grauhauchs Begegnung mit den Hornteufeln beobachtet. Klug versteckt, im Geäst eines Baumes, gut getarnt in Schatten und Kiefernnadeln. Sie hatte Angst. Angst hält am Leben, aber Angst bestimmt auch Entscheidungen. Und Entscheidungen bestimmen, wer bleiben dar.

“Du fürchtest dich vor Dingen, die hier einfach dazu gehören”, denkt Princess.

Princess dreht den Kopf und beobachtet die fremde Katze aus der Höhe der Dächer. Ihrer Dächer. Sie könnte sie vertreiben. Jetzt sofort. Ein sauberer Vorstoß, ein hinterhältiger Angriff, ein Fauchen, dass keine Zweifel mehr lässt. Wahrscheinlich würde Grauhauch weichen. Aber das wäre zu einfach. Und zu laut.

“Du bist keine Bedrohung. Noch nicht”, denkt Princess.

Grauhauch nimmt Platz, wo Menschen sind. Sie will Nähe, ohne sich auszuliefern. Princess erkennt den Trick. Viele Streuner nutzen ihn. Princess hat ihn nie gebraucht und wird ihn nie brauchen. Sie hat nie Nähe gesucht. Princess sucht Überblick. Kontrolle. Princess hebt nachdenklich das Kinn. Grauhauch sucht keinen Kampf um das Revier. Sie sucht Sicherheit. Doch viele Katzen verstehen es nicht: Ein Revier bedeutet Sicherheit. Obwohl ein Revier Arbeit bedeutet.

“Wenn du bleibst, wirst du lernen müssen.
Wenn du lernst, wirst du stärker.
Und wenn du stärker wirst, wirst du irgendwann fragen, wem das hier gehört.”

Princess legt den Schweif um ihre Beine.

“Und dann sehen wir weiter.”

Bis dahin wird sie Grauhauch gewähren lassen. Weiter beobachten. Sie vermutet, dass Grauhauch sie bereits wahrgenommen hat, obwohl sie vorsichtig war. Sie wird lauern, jeden Schritt messen, sich jedes Zögern merken, jede von Grauhauchs Entscheidung bewerten. Reviere werden nicht mit Krallen und Zähnen verteidigt, sondern mit Wissen.

“Bleib wachsam, Grauhauch.”, denkt Princess.

@Amara@lemmy.dorfrollenspiel.de