Für die meisten ist der Sonntag eine Pause vom Leben. Ausschlafen, bequeme Kleidung, Zeit für Familie oder für sich selbst. Für Alexander ist er nichts weiter als ein weiterer Tag im Kalender, an dem gearbeitet wird.
Er schließt die Tür seines neu gepachteten Büros auf und tritt ein. Alles ist neu, klar strukturiert, bewusst schlicht gehalten. Dunkles Holz, schwere Möbel, keine persönlichen Gegenstände. Melissa hat das Büro eingerichtet, die Termine koordiniert, und die Abläufe organisiert. Sie ist seine Sekretärin. Und mehr. Fünfzehn Jahre jünger, klug genug, keine Fragen zu stellen, und ambitioniert genug, zu wissen, wo ihr Platz ist. Alexander war nie der Mann für Familie.
Er setzt sich an den nussbraunen Schreibtisch und zieht die die erste Akte zu sich heran. Marcel Palme, neunzehn Jahre alt. Ein Streit in einer Wohnung, Alkohol, Drogen, ein Messer, ein Toter. Die Polizei spricht von Mord, die Beweise sind eindeutig, mehrere Zeugen haben alles gesehen. Für die meisten Anwälte wäre der Fall verloren, für Alexander ist er lediglich eine Frage der richtigen Darstellung. Er liest nicht, um die Wahrheit zu verstehen, sondern um die Schwachstellen zu finden. Provokation durch das Opfer, eine Vorgeschichte voller Gewalt, widersprüchliche Aussagen in den Details, ein psychischer Ausnahmezustand, der sich ohne große Mühe begründen lässt.
In seinem Kopf formt sich der Ablauf bereits. Aus Mord wird eine Affekttat, aus einem Täter ein überforderter Jugendlicher, aus Gefängnis eine milde Strafe. Vielleicht Bewährung, vielleicht weniger. Der Junge wird den Gerichtssaal als freier Mensch verlassen. Alexander weiß das mit der selben Selbstverständlichkeit, mit der andere das ABC aufsagen.
Er greift nach dem Stift und beginnt den Fall neu zu schreiben. Die Tür seines Büros steht noch offen, doch es stört ihn nicht. Wer hier eintritt, tritt in seine Welt ein. Und hier entscheidet er.


Die heißt Ella!! Hat die dir unser Freundebuch gegeben?!??
Nein. Ich kenne deine Schwester nicht und ich habe auch kein Freundebuch von ihr bekommen.
Oooooh!!!
Ina kramt das Freundebuch aus dem Rucksack. Stolz zeigt sie die Bissspuren auf dem Buch.
Die sind von einem Löwen!!
Schreibst du da rein?!
Alexander wirft einen kurzen Blick auf das zerkaute Freundebuch.
Aha.
Er nimmt es Ina ab und legt es auf die Seite seines Schreibtisches.
Ich schreibe bei Gelegenheit rein.
OHAAAA danke!!! Hast du Lutscher?! Der alte Anwalt hatte manchmal Lutscher!! Der hatte auch eine Schwester!! Hast du auch eine?! Die hat einmal meine Schwester und mich und Luis vergiftet!!
Alexander öffnet eine der Schubladen am Schreibtisch. Danach noch eine. Sein Blick wandert prüfend über das Regal.
Normalerweise steht hier eine Dose. Aber offenbar hat Melissa sie vergessen.
Er schließt die Schubladen wieder.
Zu der Schwester des früheren Anwalt des Dorfes: Ich hoffe, deine Eltern haben sie vor Gericht gezogen. Oder dieser Anwalt war gut genug, sie aus der Sache herauszuholen. Ich wäre es jedenfalls gewesen… Eine Schwester habe ich nicht. Aber einen Bruder.
Nein die hat für uns eine Party gemacht und Sachen geschenkt das war sooooo cool!!!
Das ist ungewöhnlich. Aber solange niemand zu Schaden gekommen ist, ist das nicht meine Angelegenheit.