Die Tankstelle am östlichen Dorfausgang ist verwaist, sieht man von Nika ab. Draußen schneidet alle paar Minuten ein Auto durch die Stille der Landstraße, ansonsten steht die Welt still. Im Verkaufsraum summen die Kühlschränke, so penetrant, dass Nika spürt, wie ihre Geduld schwindet. Besonders die defekte Getränkekühlung hinten rechts zerrt an ihren Nerven. Alle drei Minuten springt die Tür mit einem leisen Klacken wieder auf, ganz gleich, wie hart man sie zuschlägt. Irgendwann hat sie entnervt einen Karton Scheibenreiniger davor gewuchtet, damit das Ding endlich Ruhe gibt.
Der Laden riecht nach abgestandenem Kaffee, heißem Plastik und dem fettigen Dunst des Hotdog-Grills, auf dem sich unermüdlich die Würstchen drehen. Hinter der Kasse liegt nichts, als ein zerknitterter Zettel ihres Chefs, dessen Handschrift so lieblos ist wie die gesamte Tankstelle.
Kaffeemaschine hakt manchmal -> einfach nochmal drücken.
Kühlung rechts nicht anfassen
Bei Problemen Nummer anrufen
Darunter prangt eine kaum lesbare Zahlenfolge. Das war sie - ihre gesamte Einweisung. Nun steht sie an ihrem ersten Probetag allein gelassen hinterm Tresen und rätselt, warum die Kasse bei jedem Diesel-Vorgang in einem schrillen Ton piept. Genervt lehnt sich Nika gegen die Arbeitsfläche, streicht sich eine Strähne aus der Stirn und starrt hinaus auf die leere Asphaltbahn. Dieser Ort fühlt sich an, wie ein Endpunkt. Oder wie ein Anfang. Sie weiß nur noch nicht wovon.


Nika dreht das Kartenlesegerät in seine Richtung. Woher weißt du das mit der Kühlschranktür? Dass man sie anheben muss, damit sie überhaupt erst einrastet? Hast du hier früher mal die Schichten geschoben? Sie verzieht die Mundwinkel - das ist ihr Äquivalent zu einem Lächeln. Danke für den Tipp.
Hömma neeeee abba datt war früher ma der Bierkühler. Deswegen weissich datt.
Da nich für hält die Karte vor das Lesegerät
Na, dann muss mans ja wissen. Ein helles Ping ertönt und ein kleiner grüner Haken erscheint auf dem Bildschirm. Nika reißt den Beleg mit einem Ratsch ab. Ist bezahlt. murmelt sie und schiebt ihm den Zettel rüber. Schönen Tag noch.
Hömma danke ebenso.
Dreht sich um und geht am Zeitschriftenregal vorbei. Plötzlich stoppt er
Kerlokiste. Die “Scharfschütze heute”. Habta die getz immer da?
Keine Ahnung, ob’s die hier immer gibt. Aber ich gehe mal stark davon aus. In so einem Dorf ändern sich die Dinge wahrscheinlich eh nur alle Schaltjahre mal, oder?
Hömma man merkt dasse noch nich lange hier bis. Hausen is n bissken watt anders als Kleinkleckersdorf. Die Zeitschrift hatte sons immer nur der Zühlke bei sich im Laden. Schön dattet die auch hier getz gibt. Muss ich nich immer nach Rheinfelsbach hin gurken.
Dann sehen wir uns hier wohl bald öfter.