Malte Rutsch erhebt sich. Ein unauffälliger, junger Mann, hager, mit zu wenigen Haaren für sein Alter, gekleidet in einen weißen Laborkittel. Er räuspert sich und man merkt sofort, dass er nicht gerne vor Menschen redet. Ein Stapel Karteikarten soll ihm helfen, sich durch die Befragung zu hangeln, doch er ist nervös und fahrig und beim Versuch, die erste Karteikarte aufzunehmen fällt sie vom Podium.

“Herr Lübben. Hallo. Mein Name ist Diplom-Ingenieur Malte Rutsch und ich bin Sachgebietsleiter für Grenzflächenphysik und Eigenkontaktprotokolle.”

Herr Rutsch hat einen leichten Sprachfehler, er betont das “s” etwas zu stark.

“Ich werde sie nun in der Sache ‘Dimensionsverschiebung der Gemeinde Hausen’ befragen.”

Holger nickt knapp.

“Herr Lübben, bestätigen Sie, dass der Dimensionstransfer der Gemeinde Hausen durch die Gemeindeverwaltung ausgelöst wurde?”

Holger überlegt kurz. Seine Antworten sind vorbereitet, er weiß genau, was er zu sagen hat. Er kennt die Regeln, Richtlinien und Protokolle, doch er will nichts durch eine zu emotionale Antwort überstürzen und seinen Boden durch ein vorschnelles Abnicken der Frage verlieren. Er erhebt sich und schiebt seinen Stuhl geräuschvoll nach hinten.

Herr Rutsch, vielen Dank. Ich bestätige, dass die Gemeinde Hausen in die Dimension ß-748-lemmy verlegt wurde und das dieser Prozess durch die Gemeindeverwaltung initiiert wurde. Holger nimmt ein vierseitiges Formular von seinem ersten Stapel und reicht es dem Amtsdiener, der in der Nähe seines Tisches steht. Ich reiche hiermit Formular 19-ä ein, Anerkennung einer Gefahr im Verzug-Situation.
“Gefahr im Verzug?”
Gefahr im Verzug, Herr Rutsch. Nach §9,3 IRKG ist es uns als kreisfreie Gemeinde gestattet, in einer “Gefahr im Verzug”-Lage selbstständig die Dimension zu verlassen, wenn die Lage es erfordert. Mir ist durchaus bewusst, das der §9,3 bisher noch nie für eine komplette Gemeinde verwendet worden ist, aber es gibt Präzedenzfälle.

Der Amtsdiener hat Malte mittlerweile das Formular übergeben und Herr Rutsch blättert es hastig durch. Er räuspert sich.

“Herr Lübben, §9,3 IRKG erlaubt eine eigenständige Dimensionsverlagerung bei unmittelbarer struktureller Gefährdung.” *Er blättert. “Können Sie dem Gremium konkretisieren, welche Gefahr die vollständige Evakuierung einer Gemeinde von 2.143 Einwohnern rechtfertigte?”
Holger nimmt die nächsten Blätter vom Papierstapel und reicht sie dem Amtsdiener, diesmal deutlich mehr als vier. Sie sind mit einer Schnellhefter-Klammer zusammengehalten. Wichtige und respektierte Mitglieder unserer Gemeinde waren verschwunden. Zahlreiche Mitglieder. Wir vermuteten erst einen Kriminalfall im klassischen Sinne und erstatteten Anzeige bei der hiesigen Polizeibehörde. Diese nahm ihre Ermittlungen auf, meldete aber schnell zurück, dass ihre Untersuchungen ergebnislos waren.
Malte Rutsch tappt in die Falle. Er versucht, selbstsicher zu sein: “Herr Lübben, sind Ihnen die Abläufe in einem solchen Fall bekannt?”
Holger hebt die linke Augenbraue. Nur einen Millimeter, vielleicht zwei. Herr Rutsch, mir sind die Abläufe selbstverständlich bekannt. Er reicht einen weiteren Stapel Papiere an den Amtsdiener. Wir haben für jedes verschwundene Gemeindemitglied eine Vermisstenanzeige bei der Multidimensionalen Verwaltung aufgegeben. Wir haben zeitnah einen Dringlichkeitsantrag gestellt. Sie finden die Eingangsbestätigungen dort - Holger zeigt auf den Papierstapel - doch leider haben wir keine Rückmeldung erhalten.

Die Verantwortlichen auf dem Podium schauen kurz irritiert, als sie bemerken, dass Holger die Lage unter Kontrolle hat. Sie stecken kurz die Köpfe zusammen, dann wendet Herr Rutsch sich wieder Holger zu, die Zettel unordentlich in der Hand.

“Sie behaupten also, Herr Lübben…” Herr Rutsch zögert kurz, dann korrigiert er sich. “Sie führen aus, dass mehrere Gemeindemitglieder verschwunden sind. Wie viele?”
Zunächst drei. Innerhalb von sechs Tagen insgesamt siebzehn.\

Im Saal entsteht leises Gemurmel.

“Verschwinden von Personen stellt zunächst keinen strukturellen Grenzfehler dar. Haben Sie Anomalien in der Dimensionsresonanz gemessen?”
Am vierten Tag registrierten wir Phasenfluktuationen in Wohngebäuden der Betroffenen. Leichte Verschiebungen im Materialgefüge.
Malte zögert kurz. Darauf war er nicht vorbereitet. “Diese Messungen… wurden Sie protokolliert?”
Holger zeigt auf die Blätter in Maltes Hand. Anhang C. Seite 14 - 19.

Während Malte fahrig in dem Papierstapel blättert, holt Holger zum letzten Schlag aus.

Herr Rutsch, uns war bekannt, dass die Multidimensionale Verwaltung seit Monaten im Rückstand ist. Wir konnten nicht riskieren, noch mehr Bürgerinnen und Bürger zu verlieren, während wir auf eine Eingangsbestätigung warten.

Malte räuspert sich und schaut hilfesuchend zum Rest der Anhörungskommission. Der Rest der Anhörungskommission blättert in Papierstapeln und schaut nicht zurück. Malte räuspert sich ein weiteres Mal.

“Herr Lübben, es gibt Berichte, die Indizien dafür liefern, dass versucht wurde, die Dimensionsverschiebung zu verschleiern.”
Holger hebt lediglich die linke Augenbraue. Diesmal geht sie deutlich nach oben.
“Wurde von der Gemeinde Hausen eine Demonstration organisiert?”
Selbstverständlich. Wir haben alles probiert, unsere Mitbewohner wieder zu uns zu holen. Jeden Strohhalm gegriffen.
“Herr Lübben, sind auf dieser Demonstration Bewohner aus anderen Dimensionen geladen gewesen?”
Holger zögert kurz. Sehr kurz. Er ist darauf vorbereitet, dass die Kommission den Plan durchschaut hat. Es wäre einfacher gewesen, wenn sie nur den Verdacht hätte, aber Herr Rutsch scheint den Plan verstanden zu haben. Einfacher wäre es gewesen, wenn er es nicht gewusst hätte. Herr Rutsch, alle Dimensionsreisen an diesem Tag waren durch die Dimensionale Zollverwaltung genehmigt.
“Herr Lübben, ist Ihnen bekannt, dass die Dimensionale Zollverwaltung und die Multidimensionale Verwaltung sämtlichen Dimensionsreiseverkehr überwachen?”
Selbstverständlich, Herr Rutsch.
“Herr Lübben, wir haben den Netzwerk-Traffic des Internetzugangs des Hausener Rathauses ausgewertet. An einem PC im Vorzimmer des Bürgermeisters wurde in den Tagen und Wochen vor der Dimensionsverschiebung einiges interessantes im Internet und im Multidimensionalen Intranet gesucht.”
Holger schweigt. Er weiß, dass Herr Rutsch versucht, ihn in die Enge zu drängen.
“Eine große Menge an Daten wurde aus dem MDI heruntergeladen.”

Holger weiß, wo diese Fragekette endet. Er wusste nicht, dass das MDI dermaßen überwacht und ausgewertet wird. Sonst hätte er diesen Fehler nicht gemacht.

“Herr Lübben, Sie haben am 15.08.2025 eine Forschungsarbeit aus dem MDI heruntergeladen. Ihr Titel lautet: ‘Dimensionales Rauschen im Multidimensionalen Gefüge und ihre Auswirkungen auf die Überwachung des Dimensionsverkehrs’, ist das korrekt?”
Holger nickt. Es war nicht Holger, der die Arbeit heruntergeladen hat. Es war auch nicht Holger, der all das geplant hat. Doch Holger wird den Experten für Dimensionsreisen, den er angeheuert hat, nicht auflaufen lassen.
“Herr Lübben, womit beschäftigt sich diese Forschungsarbeit?”
Sie beschreibt sehr lang und umfassend, dass die Dimensionsreisen-Überwachung der Zollbehörde an Wirksamkeit verliert, wenn im selben Moment zahlreiche Dimensionsreisen getätigt werden und sich auf diese Weise, mit einer großen Menge genehmigter Dimensionsreisen, auch eine große Menge ungenehmigter Dimensionsreisen vertuschen lassen.

Es wird still im Saal.

Malte Rutsch schaut Holger triumphierend an.

Holger hebt den Kopf, räuspert sich und nimmt drei Zettel von seinem vorletzten Stapel.