Plötzlich ertönt der Gong, der einen Wechsel der Nummern auf der großen Anzeige anzeigt. Holger blickt hin, mehr aus Gewohnheit und mit wenig Hoffnung und doch: Diesmal wird seine Nummer angezeigt. 39Bx², ohne ALT, ohne überschüssige Zeichen. Holger kontrolliert zur Sicherheit noch mal seinen Zettel, doch die Nummer stimmt überein. Als er auf den Tresen zugeht, überlegt er, wie lange er wohl schon hier sein mag. Er weiß es nicht. Es fühlt sich an, als wären gleichzeitig ein kurzer Augenblick und mehrere Wochen vergangen. Doch alles in allem ist er wohl gut davongekommen, wenn er an den Mann denkt, der den Warteplatz von seinem Großvater geerbt hat. Holger zeigt am Tresen seinen Zettel vor und bekommt die knappe Info:
“37,8. UG, Sachprüfungsraum IV, Raum 37,8.103”
Langsam geht Holger auf den Aufzug zu - er geht davon aus, dass er auch noch zur Toilette und etwas essen könnte und trotzdem pünktlich wäre, möchte es aber nicht darauf anlegen - und denkt noch einmal kurz an Herrn Pesto. Er hofft, dass der kleine Gauner durchkommt. Mit einem Ich aus einer anderen Dimension Kontakt aufnehmen, und dann auch noch ungenehmigt. Gewagt. Sehr gewagt. Holger betritt den Aufzug und entdeckt tatsächlich einen Knopf zwischen UG 37 und UG 38, der mit UG 37,8 beschriftet ist. Es wundert ihn nicht. Der Aufzug surrt leise nach unten. Im fünften UG steigt ein kleiner Roboter ein, der statt einem Kopf einen großen LED-Bildschirm auf den Schultern trägt. :| ist darauf zu sehen. Holger nickt im zu, auf dem LED-Bildschirm erscheint unter dem geraden Mund in einer pixeligen Schrift der Text:
“Hallo.”
Holger lauscht dem Surren des Aufzugs und dem Knacken der Transistoren im Roboter, während die beiden weiter nach unten fahren. Es klingelt, als der Fahrstuhl im 37,8. Untergeschoss anhält und Holger verlässt den Fahrstuhl. Er nickt dem Roboter kurz zum Abschied zu und folgt dann dem Gang. Scheinbar kilometerlang erstreckt sich der triste Flur, Tür reiht sich an Tür, nur gelegentlich unterbrochen durch unbequeme Wartebänke. Er muss nicht lange suchen, bis er Raum 103 entdeckt und öffnet die Tür, ohne zu klopfen. Ohne Überraschung stellt Holger fest, dass der Raum deutlich größer ist, als der Flur es erahnen lassen hat: Er betritt einen großen Anhörungsraum mit einem Podium und einer kleinen Zuschauerbank, die überraschenderweise nicht leer ist. Ein paar Leute haben sich eingefunden, um der Anhörung beizuwohnen. Die Rückwand des Raums wirkt … Holger fällt kein besseres Wort als “merkwürdig” ein. Sie ist irgendwie zwischen schwarz und einem sehr dunklen Lila und scheint zu wabern.
Hallo, grüßt Holger.
“Holger Lübben, Verwaltungsfachwirt: Hallo”, erscheint in einer helltürkisen Schrift auf der wabernden Wand. Holger versteht: Ein automatisiertes Protokollsystem, das jegliche Äußerung im Raum aufzeichnet. Holger blickt auf die kleine Gruppe, die sich am Tisch auf dem Podium versammelt hat. Kleine Namensschilder zeigen an, wer dort sitzt, um seinen Fall anzuhören.
1. Vorsitz: Dr. Alwine Kranz - Leitende Direktorin für Interdimensionale Lagebereinigung und Übergangsfragen. Eine mittelalte Frau, die ihn streng, aber auch ein wenig interessiert anschaut. Ihr braunes Haar ist zu einem Dutt gebunden und um ihren Hals hängt eine Lesebrille an einer silbernen Kette.
Protokollaufsicht: Prof. Eryk Mertens - Hauptsachverständiger für Chronologische Kohärenz und Fristwahrung. Ein junger Mann mit strubbeligem, blonden Haar, der aussieht, als würde er seit mehreren Wochen in den Anhörungen sitzen. Oder als wäre er heute morgen aus dem Bett gefallen und hatte keine Zeit zum Duschen und sich frische Kleidung herauszusuchen.
Rechtliche Bewertung: Magistra Thekla Dorn - Beauftragte für Genehmigungsversäumnisse und Realitätsordnungswidrigkeiten. Eine etwa vierzig Jahre alte Frau. Alles an ihr, vom Blazer bis zum zum Zopf gebundenen Haar ruft laut Juristin.
Technische Prüfung: Dipl.-Ing. Malte Rusch - Sachgebietsleiter für Grenzflächenphysik und Eigenkontaktprotokolle. Ein junger Mann in weißem Laborkittel, der einen großen Stapel Prüfprotokolle vor sich liegen hat.
Und schließlich: Bärbel Kuhlmann. Holger ist verblüfft, dass Bärbel aus der Bürgervertretung Kleebachtal hier sitzt. Und doch macht es Sinn, sie wurde vermutlich als Ombudsperson geladen und soll Fairness gewährleisten. Holger hofft, dass Frau Kuhlmann nicht auch so lange warten musste wie er.
Holger nimmt auf einem einzelnen Stuhl vor einem kleinen Tisch statt. Frau Dr. Kranz erhebt sich, um die Sitzung zu eröffnen. Holger hört kaum hin, als sie die Anwesenden vorstellt und den Fall kurz umreißt. Er nutzt die Zeit, holt seinen Aktenordner aus der Aktentasche und beginnt, die Formulare und Dokumente, die er vorbereitet hat, säuberlich auf dem Tisch zu sortieren. Vier Stapel entstehen, unterschiedlich groß, unterschiedlich wichtig, aber jedes Blatt Papier ist am genau richtigen Platz. Frau Dr. Kranz beendet grade die Eröffnung des Verfahrens, während Holger das letzte Blatt exakt zur Tischkante ausrichtet.
“… und daraufhin wurde die gesamte Gemeinde Hausen, inklusive aller darin lebenden Personen, von der Dimension c-1708-reddit in die Dimension ß-748-lemmy verlagert. Ein Genehmigungsantrag liegt nicht vor und es gibt Indizien dafür, dass diese dimensionale Verschiebung verschleiert wurde, wie Herr Rusch uns im Laufe des Verfahrens aufzeigen wird.”
Frau Dr. Kranz legt das Blatt, von dem Sie abgelesen hat, zur Seite und setzt sich. Die Protokollwand hat alles, was gesagt wurde, protokolliert und Holger überfliegt das geschriebene kurz. Kaum sitzt Frau Dr. Kranz erhebt sich Frau Dorn. Sie verliest die umfassende Version der Anklage, inklusive aller Paragraphen, sämtlicher Vorwürfe und einem genauen Ablauf des Geschehens. Da Holger die ganze Geschichte umfassend kennt, kann er sich innerlich wieder auf seine Verteidigungsstrategie konzentrieren und lauscht nur mit halbem Ohr. Kurz stutzt er, als Frau Dorn einen Verstoß gegen “Paragraph irgendwas, Abschnitt 3 IRKG” vorwirft. Er kontrolliert den Protokollbildschirm und stellt fest, dass sie tatsächlich “irgendwas” gesagt hat. Als sie die Verlesung abgeschlossen hat, lässt sie ihren Blick zu Holger wandern.
“Holger Lübben, Verwaltungsfachwirt, Gemeinde Hausen. Bitte erheben Sie sich zur Feststellung der Identitätskohärenz.”
Holger erhebt sich, ohne die Worte in Frage zu stellen. Er kennt die Abläufe. Ein kleiner Apparat senkt sich von der Decke, bleibt direkt vor seinem Kopf stehen und erstellt einen Scan seiner Kopfform und seiner Iris. Auf der Protokollwand erscheint der Text “Holger Lübben, Dimension c-1708-reddit, Verwaltungsfachwirt”.
“Die Identitätskohärenz des Anzuhörenden wurde festgestellt. Herr Lübben, Sie werden darauf hingewiesen, dass falsche oder unvollständige Angaben gemäß §6 InterRealG straf- oder bußgeldbewehrt sein können.”
Das nehme ich zur Kenntnis.
“Wir beginnen nun mit der Befragung durch Malte Rusch.”

