Ein paar Tage lang schafft Holger es, sich die Zeit in der gigantischen Eingangshalle der Multidimensionalen Verwaltung zu vertreiben. Er beobachtet das Treiben auf den Gängen, spricht ein wenig mit den anderen Wartenden und hört sich deren Geschichten an - die meisten klingen danach, als wäre der Verwaltungsaufwand größer als nötig - und probiert die tristen Toiletten im Wartebereich aus. Außerdem untersucht er das Rohrpost-System der Verwaltung und ist begeistert. Was für eine moderne, effiziente Art der Kommunikation! Er beschließt, nach der Wahl mit dem neuen Bürgermeister zu sprechen, um für das Rathaus in Hausen auch eine Rohrpost zu bekommen. Wie sehr sich Abläufe dadurch vereinfachen lassen würden, beeindruckt ihn.

Holger beginnt, das Warten zur Kunst zu machen. Zuerst beginnt er, seine eigenen Formulare - er hat etwa 100 Seiten an Anträgen, Anhörungsbögen und Formularen vorbereitet - noch einmal sauber durchzuarbeiten. Immerhin ist er für eine Anhörung geladen, die deutlich kritischer wirkt als die Fälle der anderen Wartenden, mit denen er gesprochen hat. Dann beginnt er, die Fälle der anderen Wartenden zu prüfen. Eine halbdurchsichtige Frau weist er darauf hin, dass ihr Formular ∑∅ - Jagdgenehmigung für halbmenschliche Wölfe fehlerhaft ausgefüllt ist. Einen kleinwüchsigen Mann aus Dimension ½, der nicht Schreiben und Lesen kann, unterstützt er beim Ausfüllen seines Formulars. Er wird von einem Mann mit nur einem Auge, das mitten auf der Stirn sitzt, angesprochen. Und erklärt ihm geduldig, dass auch bei Verwendung von nicht-euklidischer Geometrie in seiner Dimension die Kreuze auf seinem Formular kreuzförmig sein müssen.

Und plötzlich, während er dort wartet und mit den anderen spricht, erblickt er ihn. Horst Degenhart, aus Reinlingen. Holger schaut verblüfft. Schon wieder ein Dimensionsfall in Reinlingen? Er geht auf Horst zu.

Herr Degenhart. Guten … Hallo!
Auch Herr Degenhart blickt verblüfft. “Herr Lübben! Hallo.”
Herr Degenhart wirkt erschöpft und kraftlos, als wäre er schon ewig hier. Haben Sie erneut einen Dimensionsvorfall? Hat der Gartenzaun Ihnen nicht gereicht?
“Wie bitte? Aber nein! Ich bin wegen dem Gartenzaun hier.”
Wäh?

Und während er “Wäh” sagt, wird es Holger klar. Die Uhr über dem Wartebereich zeigt XX:XX Uhr am XX.XX.XXXX. Sie hat sich in den letzten Tagen nicht bewegt, kein einziges Mal. Holger wird klar: Wenn hier immer der selbe Moment ist, dann kommen alle anderen Momente hierher. Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart.

Ein Antrag von gestern.
Einer von in zehn Jahren.
Ein Antrag, der noch gar nicht gestellt wurde.

Alles liegt hier. Alles wird jetzt bearbeitet. Keine Reihenfolge, kein System, kein vorher und kein nachher. Holgers Magen zieht sich zusammen. Wie eine Eingangs-Ablage, die sich nie leert, und in der die Akten nicht übereinander liegen, sondern ineinander. Das ist keine Verwaltung. Das ist Stau. Sein Kopf beginnt, unangenehm zu vibrieren.

Doch Holger nickt nur. Ich verstehe. Beunruhigend.
“Aber ja. Sehr beunruhigend. Denken Sie nicht zu genau darüber nach.”
Holger nickt. Wie lange warten Sie bereits?
Horst überlegt ein wenig. “Ich … weiß es nicht?”
Verstehe.
“Und was treibt Sie hierher, Herr Lübben? In Hausen wird doch eigentlich immer sehr sauber gearbeitet.”

Holger überlegt, ob er Horst seinen Fall anvertrauen möchte. Der Fall in Hausen wirkt, im Gegensatz zu den meisten Anliegen, von denen er bisher gehört hat, wirklich dramatisch. Holger HAT einen Fehler gemacht, er HAT etwas übersehen und es gefällt ihm nicht. Doch er kennt Herr Degenhart schon sehr lange, hat schon einige Fälle mit ihm besprochen und immer gut mit ihm zusammengearbeitet, wenn die Bundesstraße fürs Boßeln gesperrt werden musste oder der Kita-Bedarf für Hausen geplant wurde. Er blickt sich um, dann greift er nach Horsts Arm und zieht ihn in eine Ecke. Zwischen einem Rohrpost-Rohr und einem Tisch, auf dem Flyer und Formulare ausgelegt sind, kann niemand sie belauschen.

Holger überlegt kurz, wie er anfangen soll, dann legt er seinen Aktenordner auf den Tisch und öffnet ihn. Er überblättert das Inhaltsverzeichnis. Direkt danach ist die Ladung eingeheftet. Holger holt sie aus dem Ordner und beginnt, vorzulesen.

Ladung durch die Zentralstelle zur Aufsicht, Genehmigung und Legitimierung realitätsübergreifender Vorgänge im öffentlichen und privaten Raum

Anhörung im Verfahren wegen einer nicht angezeigten Lageverschiebung der Gemeinde Hausen im interrealen Kontinuum gemäß § 17 IRKG

Horst wird blass. “Was haben Sie getan?”
Wir MUSSTEN, Herr Degenhart! Wir hatten keine Wahl!
“Die gesamte Gemeinde?”
Holger nickt lediglich.
“Wie … wie lange ist es her?”
Vier Monate.
“Erstaunlich. Die Zentralstelle hat lange gebraucht, um es zu bemerken.”
Wir haben uns abgesichert. Oder es versucht.
“Das wird es nicht besser machen.”
Ja.
“Ja.”

Holger schweigt.

“Herr Lübben, ich sage es ungerne. Das war fahrlässig. Und nicht Ihr Stil. Sie werden Schwierigkeiten bekommen. Große Schwierigkeiten.” Horst schüttelt entsetzt den Kopf. “Eine ganze Gemeinde - in eine andere Dimension? Und es vertuscht? Das wird eine Anklage nach sich ziehen.”
Holger nickt.
“Ich hoffe, dass Sie einen Plan haben?”
Ja. Den habe ich.
“Natürlich haben Sie einen Plan. Wie immer. Herr Lübben… viel Glück.”

  • Der Tod (gestresster Verwaltungsangestellter)
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    2 months ago

    Ein hochgewachsener Mann,glekleidet in einen langen Schwarzen Mantel und einer Sense schlendert an Lübben vorbei. Nein,er schlendert nicht,er scheint viel eher zu schweben. Als er an Lübben vorbeischwebt,läuft diesem ein eiskalter Schauer über den Rücken. Für einen kurzen Moment ist es,als sähe er sein Leben an sich vorbeiziehen.

    Der Mann rückt seinen Umhang zurecht,zieht einen Zettel hervor und knallt ihn auf den Tisch.

    Hier,das muss zum Chef. Ich habe einen Termin bei ihm um XX:XX Uhr.

    Die Stimme des Mannes geht Lübben und einigen der anwesenden durch Mark und Bein,doch der Junge am Schalter scheint sich nichts anmerken zu lassen