Langsam geht Walter über die verschneiten Waldwege. Der neu gefallene Schnee knirscht unter seinen Schuhen, die letzten Sonnenstrahlen des Tages hüllen den kahlen Wald noch in ein leicht rötliches Zwielicht. Walter ist tief in Gedanken versunken. Jeden Abend am 13. Februar geht er diesen Weg über den Waldfriedhof in Reinlingen. Seit über zwanzig Jahren nun schon besucht er sie an dem Abend vor dem Valentinstag.
Als er den Baum erreicht, an dem ihr Name steht, atmet er tief durch. Eine schlichte Metallplakette an einem Baum, das ist alles, was von einem Leben am Ende bleibt. Eine Plakette, auf der nur „Martina, 1971–2004“ steht. Eine Plakette an Baum Nummer 617 auf diesem Friedhof.
Walter hat sich bewusst für diesen Tag entschieden, um jedes Jahr auf den Friedhof zu gehen. Ein Tag, der von Martinas Geburts- und Todestag weit entfernt ist, sodass er nicht Gefahr läuft, Martinas Mann an diesem Tag zu begegnen. Und doch ein Tag, der mit dem nahen Valentinstag eine besondere Symbolik hat. Ein Tag vor einem Tag, an dem ihm der Verlust immer mehr schmerzt als an anderen Tagen. Wie immer, wenn er vor ihrem Baum steht, beginnen seine Gedanken zu kreisen. Was wäre wenn? Wenn sie damals in ihrer Jugend doch ein Paar geworden wären? Wenn er ihr, auch als sie längst ihren späteren Mann kennengelernt hatte und viel zu früh schwanger geworden war – doch noch seine Liebe gestanden hätte? Wenn er nicht den Kontakt fast abgebrochen hätte, damit er eine Chance hatte, mit seiner jetzigen Frau glücklich zu werden? Und ja, das ist er dann ja auch wirklich geworden. Und er dachte auch, er sei über Martina hinweg. Bis zu dem Tag ihres Unfalls. Dem Tag, an dem bei ihm eine Wunde gerissen wurde, die nie wieder verheilt ist. An dem ihm klar wurde, dass er seine Frau zwar wirklich liebt, dass seine große Liebe aber doch immer jemand anderes war.
Die Dämmerung geht langsam in Dunkelheit über. Walter atmet noch einmal tief durch, dann legt er den mitgebrachten Blumenstrauß vor ihren Baum und macht sich langsam auf den Rückweg. Ihm fällt ein, dass er noch Blumen für seine Frau kaufen muss. Hoffentlich hat Anni noch welche im Laden.*

