Anni sitzt vor ihrem Bildschirm in ihrem Hinterzimmer. Niemand in Hausen weiß, dass sie sich früher sehr sicher und gut in Code, Programmierung und Entwicklung bewegt hat. Ihr Leben war damals online. Das ist hier ihr Geheimnis. Übers Gaming hatte sie dann Kai-Uwe entdeckt. Durch Kai-Uwe, Arschloch, ist sie überhaupt erst in Hausen gelandet. Und hier ist sie… irgendwie erst ein richtiger Mensch geworden. Ein analoger. Hat ein Leben abseits des world wide webs begonnen.
Das matte Leuchten des Monitors betont Konturen in ihrem Gesicht, Schatten zeichnen sich ab. Anni sitzt reglos da und starrt auf ihren Laptop. Auf dem Bildschirm ist kein dramatischer Codefluss zu sehen, keine blinkenden Warnungen. Aber der Suchbegriff, um den es ihr geht, steht da. “Hausen”. Ein schnöder Stadtname. Aber er hat Geschichte, Bedeutung, Karten, Verbindungen. Viele Suchmaschineneinträge. Anni atmet aus. Versucht, sich zu endlich zu überwinden. Ihre Hand krampft sich fester um ihre Maus.
Nicht löschen, denkt sie. Nie löschen. Löschen hinterlässt Spuren.
Sie beginnt, die ersten Zusammenhänge zu entfernen. Vorsichtig. Nicht nachverfolgbar. “Hausen” verliert online erst den Kontext, dann die Relevanz. Suchanfragen, die ins Leere laufen. Ergebnisseiten, die keine Ergebnisse mehr bringen. „Meinten Sie vielleicht …?“ Nein. Meinten sie nicht.
Annis Blick bleibt ruhig, fast traurig. Sie weiß natürlich, dass Archive existieren, Schattenkopien. Aber sie weiß auch: Für die meisten Menschen hört auf zu existieren, was Maschinen nicht mehr ernst nehmen.
Ein letztes Zögern. Dann bestätigt sie. Nichts explodiert.
In ein paar Tagen wird jemand den Begriff eingeben und sich fragen, warum die Ergebnisse so verwirrend sind. In ein paar Wochen wird niemand mehr danach suchen. Und irgendwann wird jemand sagen: „Das gab es nie.“
Anni lehnt sich zurück.


Maximilian liegt auf dem Sofa. Lina brabbelt, Luis lacht. Stigl und Lara reden über einen Windelmülleimer.
Seit Lina ist es anders. Familiärer, er fühlt sich aber zunehmend fehl am Platz und beschließt, wieder in sein altes Haus zu ziehen.
Er geht rüber. Die Tür ist zu. Am Briefkasten kein Name. Auf der Tür ein Zettel. Berti.
Haus gekündigt. Bin weg. Schlüssel bei der Gärtnerei.
Hä?
Maximilian zieht das Handy raus. Er googelt Hausen Gärtnerei Öffnungszeiten.
Die Ergebnisse widersprechen sich. Geschlossen. Immer offen. Eine Nummer, die es nie gab.
Aktuell keine Informationen verfügbar.
Maximilian schaut ungläubig auf sein Handy. Heute wäre offen? Oder geschlossen?
Er schreibt Anni in WhatsApp. Anni, irgendwas stimmt mit deinen Öffnungszeiten auf Google nicht und der Name und allgemein. Google das mal.*
Er seufzt und lacht
Anni und Technik.
Dann steckt er das Handy weg und betritt das Haus mit seinem Zweitschlüssel.
Anni antwortet. Ach, das ist nicht schlimm. Öffnungszeiten sind hier sowieso flexibel. Wenn jemand etwas will, klingelt er oder sie halt am Haupthaus. Aber danke fürs Bescheid geben. Das ging schnell. Anni ist zufrieden. Aber auch nicht zufrieden. Ist sie diesmal zu weit gegangen? Nachdenklich verlässt sie das Hinterzimmer und schließt,.wie immer, hinter sich ab.