Der Kirchplatz liegt normalerweise still. Ein rechteckiger Raum aus Kopfsteinpflaster, eingefasst von Kirche, Pfarrhaus und zwei niedrigen Wohnhäusern. Im Winter wirkt er größer, leerer. Der Schnee dämpft Geräusche, selbst Schritte klingen hier vorsichtig. Später wird man sagen, die Wahl des Ortes sei kein Zufall gewesen. Der Kirchplatz liegt genau zwischen Ost und West, zwischen den Wohngebieten, die sich im Laufe der kommenden Tage klar zuordnen werden. Neutraler Boden, zumindest auf dem Papier. An diesem Abend ist er es nicht mehr. Die ersten Gruppen treffen unabhängig voneinander ein. Keine Marschordnung, keine offiziellen Zeichen. Winterjacken, Mützen, Schals. In den Händen nichts weiter als Schnee. Zwei Fahnen werden in den Schnee gerammt, Freddys weißes “O” auf Schwarz im Osten, Stacys schwarzer Wolf auf Rot-Schwarz im Westen, und die Anhänger der beiden stehen sich abwartend gegenüber. Beobachter beschreiben später eine eigentümliche Ruhe zu Beginn. Niemand ruft Befehle. Niemand erklärt Regeln, weil die Regeln allen bekannt sind: Verletzten und Ausgerutschten wird geholfen. Keine Steine im Schneeball. Kein Eis. Es ist Krieg, aber das ist kein Grund, unzivilisiert zu werden.
Dann fliegt ein Schneeball.
Nicht hoch, nicht weit. Er landet kurz vor Freddys Füßen auf dem Schnee.
Innerhalb von Sekunden verändert sich der Platz. Schneebälle werden geformt, hastig, mit bloßen Händen oder in Handschuhen. Die ersten Würfe sind unkoordiniert, treffen Mauern, Beine, Rücken. Die Kirche wird zur Kulisse, ihr Turm ragt reglos über ein Geschehen, das nicht zu ihr passt. Mit zunehmender Dauer nimmt die Intensität zu. Menschen nutzen die hölzernen Sitzbänke als Deckung, andere pressen sich an die Kirchenmauer. Der Schnee auf dem Platz wird schnell festgetreten, rutschig. Mehrere Personen stürzen, ihnen wird aufgeholfen, werfen weiter. Lachen mischt sich mit Flüchen. Es ist nicht mehr klar zu trennen.
Aus der Distanz wirkt es wie ein chaotisches Muster: Vorstöße, Rückzüge, kurze Stillstände. Doch was chaotisch wirkt, wird von zwei großen Strategen gesteuert, die beide um den Platz kämpfen. Immer neue Schneebälle, immer wieder Treffer. Doch keine der beiden Armeen schafft ernsthafte Vorstöße, schafft es, Land zu erobern. Die westlichen Truppen bleiben im Westen, die östlichen im Osten. In der Mitte wird hart gekämpft, doch niemand gewinnt Raum. Zeugen berichten später über die ungewöhnliche Stimmung auf dem Platz. Es wirkt ernst, und doch lachen die Leute, klopfen sich auf die Schultern, auch wenn sie vom jeweils anderen getroffen werden. Als wäre der große Schneeballkrieg ein Ritus zum Jahresende, um etwas Dampf abzulassen und Energie fürs neue Jahr zu schöpfen. Und trotzdem, auch wenn Stacy und Freddy sich verliebte Blicke über den Platz zuwerfen, wirkt es ernsthaft.
Nach etwa zwanzig Minuten ebbt das Geschehen ab. Nicht, weil jemand gewinnt, sondern weil die Kraft nachlässt. Die Würfe werden seltener. Einzelne ziehen sich zurück, kehren an den Rand des Platzes zurück, stützen sich auf die Knie. Der Kirchplatz ist gezeichnet: zerwühlter Schnee, Abdrücke, Spuren von Schuhen in alle Richtungen. Die Gruppen lösen sich langsam auf und genau in diesem Moment beginnen die Kirchglocken zu schlagen. Laut hallt es über den Platz, wie um das Ende der Schlacht zu verkünden. Vielleicht hat Pastor Basti auch einfach genug von der Meute auf dem Platz. Oder er möchte verkünden, dass der Weihwasserwerfer mit Schnee geladen ist und es Zeit wird, zu gehen.
Ein Sieger ist heute nicht auszumachen. Es wird später Gerüchte geben, dass Stacy und Freddy sich für einen kurzen Kuss hinter der Kirche getroffen haben, doch ob das stimmt, lässt sich nicht sicher überprüfen. Sicher ist nur eins: Nach der Schlacht gehen sie wieder getrennte Wege und kehren in ihre Hauptquartiere zurück.


Anni bleibt stehen, ohne sich umzudrehen. Sie zögert, ballt kurz und fast unmerklich die Hände zu Fäusten und atmet dann tief durch. Was auch immer hier los ist, sie versteht es immer noch nicht - es wird nicht weiter hier ausgetragen. Nicht hier. Nicht heute. Ruhig geht sie weiter.
ANNI WARTE
Anni dreht sich um. Vielleicht reden wir… nicht jetzt und hier drüber, Maxi?
Der Schnee fällt dichter, als hätte jemand beschlossen, den Tag nicht einfach enden zu lassen.
Die Sonne hängt tief über Hausen, färbt die weißen Flächen orange und rosa, als wäre alles für einen Augenblick aus der Zeit gefallen.
Schneebälle liegen zerdrückt im Boden, Fußspuren kreuzen sich, der Lärm der Schlacht ist weitergezogen. Maximilian beschließt das es keinen richtigen oder falschen Zeitpunkt gibt.
Er geht auf Anni zu und bleibt ein paar Schritte entfernt stehen, wischt sich Schnee aus den Haaren, schaut kurz auf den Boden und dann wieder zu ihr.
Anni, ich mag dich!
Maxi ich… ich… Anni fängt an zu stottern. Nicht hier, nicht heute. Das wäre die Antwort. Welche Antwort kann man geben, wenn man keine Antwort geben kann? Welche Antwort, die nicht verletzt, während die Antwort um Aufschub bittet? Ihr Gesicht ist eiskalt vom Schnee, aber ihre Wangen glühen und brennen. ich… weiß nicht, was ich sagen soll. Das ist… alles ein wenig überraschend. Ich muss… ich muss nachdenken, bitte, okay?
Annis Kopf dreht sich. Luis auf dem Baum, Maxi der vor ihr steht, den sie natürlich mag, aber mit diesen… mit diesen Augen einfach noch nie betrachtet hat. Der merkwürdige Satz, den er gesagt hat, als sie vor seiner Auszeit bei ihr in der Küche saßen. Die alten Glühwürmchen, Pesto, der… sich so verändert hat und der erste Kuss der beiden, zu dem es seit über einem Monat nicht gekommen ist. Anni wird schwindelig.
Sie wünschte, sie könnte es Maxi erklären, aber ihre Zunge scheint wie am Gaumen festgeklebt. Ich… muss jetzt gehen, Maxi. Tut mir leid.
Maximilian bleibt einfach stehen. Zieht die Handschuhe aus, zieht sie wieder an. Okay… Ja… Er schluckt, schaut kurz an ihr vorbei. Ein unsicheres Lächeln, das sofort wieder verschwindet.
Du musst nichts sagen. Wirklich nicht. Ich wollte nur nicht so tun, als wär da nichts. Er nickt, mehr zu sich selbst als zu ihr. Ich… äh… ich verstehe das schon.
Anni versucht nochmal, Maxi anzulächeln. Doch ihre Augen, die sonst schnell und viel strahlen, lächeln gerade nicht. Ihre Augen spiegeln eine Angst, die sehr tief in ihr sitzt. Schnellen Schrittes verlässt sie den Kirchplatz.