1. Mai, 17:45

Ana winkt, als Rickys Auto die Markranstädter Straße entlangfährt und dann in die Zschochersche abbiegt. Direkt nach der ersten Band hat er sich auf den Weg gemacht - er könnte am frühen Morgen in Italien sein, wird aber unterwegs noch irgendwo anhalten und versuchen, ein paar Stunden zu schlafen. Der Termin mit den Engländern ist erst am Nachmittag, aber er möchte nicht völlig übermüdet dort ankommen. Schließlich ist es wichtig - es geht um Geld, das seine Forschungsgruppe gut gebrauchen kann.

Ana wird noch bis morgen bleiben, und dann alleine zurückfahren. Aber sie ist ein großes Mädchen - sie schafft das.

  1. Mai, 18:50

So einen richtigen Plan hat Ana momentan nicht, was auch mal entspannend ist, nachdem das bisherige Wochenende mit Konzerten und Parties fast vollkommen durchgeplant war. Sie hat die Flasche Cola dabei, die sie in Rickys Auto deponiert hatte. Er würde sicher missbilligend gucken, wenn er wüsste, wie viel Wodka darin ist, obwohl er selber… naja, er hat in Jackys Bar gearbeitet, natürlich trinkt er. Aber deutlich weniger als die meisten anderen in Anas Umfeld, das muss sie zugeben.

Jedenfalls fährt Ana nun erst einmal mehr oder weniger ziellos durch die Stadt. Das Festival findet in der ganzen Stadt statt. Überall sind Konzerte. Ana fährt mit der Tram 3 Richtung Haus Leipzig, dann doch zum Bahnhof, weiter Richtung Volkspalast. Und schließlich Richtung Dölitz. Eigentlich heißt der Ortsteil jetzt Dölitz-Dösen, und Dösen war früher, in der DDR, vor allem wegen der dortigen Klinik bekannt - ähnlich wie heute Wolfsau. Aber Ana fährt natürlich nicht in die Psychiatrie (obwohl das dortige Museum ganz interessant sein soll), sondern zum Zeltplatz. Vielleicht mit einem kleinen Zwischenstopp im “Heidnischen Dorf”, dem Mittelalterbereich - eine Kleinigkeit essen.

  1. Mai, 19:30

Wie das Mädchen mit der Drehleier heißt, hat Ana schon wieder vergessen, obwohl es gerade erst gesagt wurde. Ziemlich bekannt jedenfalls, sogar außerhalb der Szene, durch einen Auftritt beim ESC-Vorentscheid. Deutschland ist in dem Jahr Letzter geworden - vielleicht auch, weil nicht die Drehleierspielerin nach England gefahren ist. Na gut, ihr Auftritt dort war auch nicht überzeugend. Inzwischen hat sie sich weiterentwickelt, wirkt musikalisch reifer, professioneller, aber immer noch sympathisch. Das Konzert gefällt Ana. Schade, dass sie den Anfang verpasst hat.

  1. Mai, 20:30

Die “agra-Meile”, von der Straßenbahnhaltestelle bis zum Eingang der großen Konzerthalle, ist so etwas wie der Laufsteg des Festivals. Angeblich tun manche Besucher den ganzen Tag nichts anderes, als die Flaniermeile rauf- und runterzulaufen - sehen und gesehen werden. Und natürlich überall Fotografen. Natürlich wollen sie auch Ana fotografieren - die zweite Wodkacolaflasche hat sie elegant genug versteckt - und die posiert gerne vor dem Eingang zum Gelände, vor dem kleinen Springbrunnen, oder auch bei Noctulus, der gerade wieder zu verzerrten Synthesizerklängen von irgendeiner Königin - womöglich wieder der rasierten? - singt, oder vielleicht eher: erzählt. Es heißt, der wäre jedes Jahr da, und das schon, als Ana noch nicht einmal geboren war. Einmal hätte man ihn sogar auf die große Bühne gelassen. Der Kerl und seine Musik sind schon irgendwie schräg, aber da wäre Ana gerne dabei gewesen…

  1. Mai, 22:00

Eigentlich sollte jetzt schon die Band auf der Bühne stehen, auf die Ana wartet. Sie hat die große Konzerthalle links liegen gelassen und ist zum Parkschloß gegangen, einem der kleineren Veranstaltungsorte. Ana kennt nur ein einziges Lied der Band, von einer uralten Amiga-Schallplatte, die sie bei Onkel Piotr und Onkel Pawel gefunden hat. Die Band hat sich wohl in den 90ern aufgelöst und erst vor kurzem wieder zusammengefunden.

Am Eingang hängt ein Zettel, dass sich die Konzerte verspäten, und so hat sie gerade noch einen großen Teil der “Vorband” mitbekommen, die eigentlich sogar bekannter sein dürfte. Ihren größten Hit haben sie anscheinend nicht gespielt. Das Publikum hat “Katharina Witt” - eigentlich heißt das Lied “Born in the GDR” - gefordert. Aber Sandow haben sich nicht erweichen lassen. Wegen der Verzögerung, und aus Respekt vor der nächsten Band.

Sei trunken” haben sie aber gespielt. Das ist… Baudelaire, oder?

Ana ist vielleicht ein bisschen angetrunken. Aber nur ein bisschen.

  1. Mai, 23:00

Das Parkschloß ist wirklich schön - erst gestern war Ana mit Ricky zum “dunkelromantischen Tanz” hier, für den es die perfekte Kulisse bildet.

Daher weiß Ana auch, welcher Barkeeper die besten Longdrinks macht. Wissen, das sich jetzt auszahlt!

  1. Mai, 00:30

Erst weit nach elf hat die Band angefangen. “Wartet, es lohnt sich”, stand auf dem Aushang. Und das war nicht gelogen. Ein fantastisches Abschlusskonzert neigt sich dem Ende zu. Es war, trotz des kleinen Saals, noch nicht einmal übermäßig voll - auch wenn nicht alles die richtige Musik zum Tanzen ist, hasst es Ana, wenn dafür kein Platz wäre.

Komm in den Rosengarten”, singt die Band, und Ana stellt sich vor, wie Papa dieses Lied musikalisch analysiert und an der einen Stelle verzweifelt, die sich so anhört, als wären es vielleicht Fünf- oder Sieben-Achtel-Takte - aber es sind eigentlich ganz normale vier Viertel.

“So”, sagt der Sänger, “wir feiern ja in diesem Jahr 40 Jahre Rosengarten. Und außerdem ist Pfingsten. Wir haben euch deshalb etwas mitgebracht.” Dann verlässt er die Bühne. Und was sollte er, als er wiederkommt, angesichts des Namen der Band, anderes dabei haben, als Rosen?

  1. Mai, 01:00

Noch zwei- oder dreimal ist der Sänger während des letzten Liedes hinter der Bühne verschwunden, um neue Rosen zu holen. Es wahren bestimmt dreißig oder vierzig Stück, die er im Publikum verteilt hat.

Aber was macht man nun mit einer Rose? Eine Blumenvase hat man ja auf einem Festival meistens nicht dabei…

Anas Blick fällt auf die Wodkaflasche. Die könnte sich eignen. Ist aber noch halb voll.

Also gut…

Und dann tanzen!

Bis der DJ Feierabend macht.

Mindestens!